Entschuldigung.

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Es gibt Menschen, die sagen zu selten Entschuldigung. Und dann gibt es mich.

Ich entschuldige mich, seit ich denken kann. Für Umstände, für Bedürfnisse, für Störungen, für meinen Ton, bevor ich überhaupt gesprochen habe, und manchmal schon vorsorglich für etwas, das vielleicht gleich unangenehm werden könnte. Ich entschuldige mich, wenn ich im Weg stehe. Ich entschuldige mich, wenn ich nicht im Weg stehe, aber kurz befürchte, jemand könnte es so empfinden. Ich entschuldige mich, wenn ich etwas frage, wenn ich etwas nicht weiß, wenn ich zu lange brauche, wenn ich zu direkt bin, wenn ich zu vorsichtig bin, wenn ich huste, atme oder in einem Raum eine wahrnehmbare Form annehme.

Es ist fast beeindruckend, wie viele Varianten von „Entschuldigung“ ich in mein Leben einbauen kann, ohne jemals eine offizielle Ausbildung darin gemacht zu haben.

Präventive Entschuldigung

Besonders absurd ist, dass ich mich oft schon entschuldige, bevor überhaupt irgendetwas passiert ist. Präventiv. Sicherheitshalber. Wie ein sprachlicher Warnblinker.
So nach dem Motto: Ich wollte nur kurz sagen, falls ich gleich störe, umständlich bin, etwas Falsches sage oder in anderer Form unangenehm auffalle — es tut mir jetzt schon leid.

Als müsste ich meine Existenz vorsorglich mit einer Haftpflichtversicherung versehen.

Ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat. Vielleicht ist es einfach eine dieser Verhaltensweisen, die sich so früh und so unauffällig einschleichen, dass wir sie irgendwann für einen festen Charakterzug halten. So als wäre ich nicht einfach ein Mensch, sondern eine wandelnde Vorabentschuldigung mit Puls.

Und natürlich gibt es Situationen, in denen eine Entschuldigung richtig und wichtig ist. Wenn ich jemandem Unrecht getan habe. Wenn ich etwas verbockt habe. Wenn ich unaufmerksam, ungerecht oder verletzend war. Dann finde ich es nicht nur angebracht, sondern notwendig, das auch zu sagen. Eine ehrliche Entschuldigung kann viel reparieren. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortungsgefühl.

Aber das hier ist etwas anderes.

Sorry not sorry

Ich möchte nicht damit aufhören, Verantwortung zu übernehmen. Ich möchte damit aufhören, mich für mein bloßes Dasein zu entschuldigen.

Dafür, dass ich Bedürfnisse habe.
Dafür, dass ich Platz brauche.
Dafür, dass ich nicht alles sofort kann.
Dafür, dass ich etwas frage.
Dafür, dass ich Grenzen habe.
Dafür, dass ich nicht lautlos, fehlerfrei und vollständig reibungslos durch die Welt gehe.

Ich möchte aufhören, so zu tun, als wäre ich grundsätzlich eine Zumutung, die ich nur mit genügend Höflichkeit ausgleichen kann.

Denn genau so fühlt es sich manchmal an. Als müsste ich mich sprachlich kleiner falten, damit ich niemanden belaste. Als dürfte ich nur dann ganz da sein, wenn ich möglichst wenig Aufwand verursache. Möglichst unkompliziert. Möglichst angenehm. Möglichst ohne Kanten, Umstände oder Nachfragen.

Aber ich bin ein Mensch. Kein leises Hintergrundgeräusch.

Zwischen den Zeilen

Manchmal wird dieses ständige Entschuldigen als Höflichkeit gelesen. Und bestimmt steckt auch ein Teil davon darin. Ich möchte ja tatsächlich rücksichtsvoll sein. Ich möchte nicht grob durch die Welt marschieren und überall geistig die Ellenbogen ausfahren.

Aber wenn ich ehrlich bin, ist es nicht immer nur Höflichkeit. Manchmal ist es Unsicherheit. Manchmal Angst. Manchmal der Wunsch, schon im Voraus die Stimmung zu glätten, bevor irgendjemand überhaupt entscheiden konnte, ob es etwas zu glätten gibt.

Es ist der Versuch, mich selbst ein kleines bisschen vorher abzuwerten, damit es andere vielleicht nicht mehr tun müssen.

Und das ist kein schöner Gedanke.

Vor allem, weil ich mir damit selbst eine Rolle zuweise, die ich irgendwann kaum noch hinterfrage. Die Rolle der Person, die lieber sofort „sorry“ sagt, als das Risiko einzugehen, zu viel zu sein. Zu direkt. Zu sichtbar. Zu anstrengend. Zu irgendetwas.

Dabei ist nicht alles, was spürbar ist, automatisch zu viel. Nicht alles, was Raum einnimmt, ist störend. Und nicht alles, was andere kurz wahrnehmen müssen, ist ein Problem.

Und jetzt?

Ich glaube nicht, dass ich das morgen einfach abstelle. Wahrscheinlich werde ich mich auch künftig noch viel zu oft entschuldigen. Vermutlich sogar dafür, dass ich mich zu oft entschuldige.

Aber ich möchte anfangen, genauer hinzusehen.
Muss ich mich hier wirklich entschuldigen?
Oder darf ich einfach sein?
Darf ich etwas brauchen, sagen, fragen, nicht können, ablehnen, anmerken, stören, leben, ohne sofort ein sprachliches Pflaster drüberzukleben?

Ich möchte lernen, zwischen Verantwortung und mich-kleiner-manchen zu unterscheiden.

An aufrichtigen Entschuldigungen möchte ich festhalten.
Aber dieses automatische „Sorry, dass ich ich bin“ würde ich gern langsam aus meinem Wortschatz streichen.

Nicht, weil ich plötzlich rücksichtslos werden will.
Sondern, weil ich aufhören möchte, mich selbst wie einen Fehler zu behandeln.

💬 Und du?

Wie oft entschuldigst du dich, obwohl du es eigentlich gar nicht müsstest?

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Urlaub.