We all die with unfinished business.

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Niemand denkt gerne an den Tod. Das Thema lässt sich auch hervorragend wegorganisieren: Termine, To-dos, Wäscheberge, Lebenspläne in Tabellenform. Alles sehr lebendig – und gleichzeitig oft eine elegante Methode, das Offensichtliche zu umgehen: Jedes Leben endet irgendwann.

Wenn wir Glück haben, sterben wir alt und grau. Mit faltigen Händen, die viel gehalten haben. Mit Geschichten, die mehr sind als Überschriften. Mit einem Körper, der lange mitgemacht hat, und einem Leben, das sich nach „ja, das war meins“ anfühlt. Und selbst dann – selbst im besten Fall – gehen wir nicht mit einem sauber abgehefteten Ordner. Wir gehen mit offenen Fäden. Mit Ideen, die noch im Kopf waren. Mit Gesprächen, die wir „bei Gelegenheit“ führen wollten. Mit irgendwas, das noch nicht fertig geworden ist.

We all die with unfinished business. Wir alle sterben mit unerledigten Angelegenheiten. Erst wenn wir aufhören, diese unangenehme Wahrheit zu verdrängen, müssen wir weniger beweisen – und dürfen mehr sein.

Ziele sind gut. Aber sie sind nicht das Leben.

Es ist wichtig, Ziele zu haben. Wirklich. Ziele sind wie kleine Leuchttürme: Sie geben Richtung, sie bündeln Energie, sie machen aus „irgendwann“ ein „ich fange an“. Ohne Ziele treiben wir schneller weg, als uns lieb ist.

Aber Ziele haben auch einen großen Nachteil. Sie tun so, als wäre das Leben eine Wartehalle. Als dürften wir erst anfangen zu leben, wenn wir angekommen sind. Als wäre die Gegenwart nur der Flur zwischen „früher“ und „später“.

Und dann genau passiert es. Wir unterschätzen den Weg. Dabei ist der Weg nicht das, was wir „auch noch irgendwie“ erledigen, bis endlich das Ergebnis da ist. Der Weg ist der Ort, an dem alles passiert. Beziehung. Wachstum. Scheitern. Neuanfang. Lachen. Liebe. Mut. Diese kleinen Momente, die wir nicht planen und die später trotzdem den größten Platz in der Erinnerung einnehmen.

Das Ziel ist ein Punkt. Der Weg ist dein Leben dazwischen.

Glück hat selten mit „fertig“ zu tun

Wir sind wahnsinnig gut darin, uns selbst in einen Zustand zu versetzen, in dem wir permanent „noch schnell“ irgendwas erledigen. Noch schnell dies. Noch schnell das. Noch schnell sich selbst optimieren. Als wäre Glück ein Zustand, der eintritt, sobald die Liste endlich leer ist.

Spoiler: Die Liste wird nicht leer. Sie wird höchstens kreativer.

Und vielleicht ist genau das der Knackpunkt: Wenn wir uns erlauben, nicht fertig zu werden – nicht ständig damit beschäftigt zu sein, Dinge abzuarbeiten, um irgendwann „durch“ zu sein – dann entsteht Raum. Raum zum Leben. Raum für das, was nicht produktiv ist, aber wichtig. Raum für Gegenwart.

Denn Gegenwart ist unerquicklich schlecht darin, spektakulär zu wirken. Sie macht kein Feuerwerk. Sie sagt nicht: „Achtung, ich bin ein bedeutender Moment, bitte fühle jetzt etwas Großes.“ Sie ist leise. Sie ist oft banal. Sie ist meistens anstrengend. Und genau deshalb bekommt sie so selten die Aufmerksamkeit, die sie verdient.

Dabei ist es die Gegenwart, die dein Leben später ausmacht. Nicht das, was du dir für irgendwann vorgenommen hast.

Wir wohnen selten im Jetzt

Die meisten von uns leben entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. In der Vergangenheit, wo wir Dinge nochmal durchkauen, als könnten wir sie damit ungeschehen machen. Oder in der Zukunft, wo wir schon mal vorfühlen, wie es sein wird, wenn… wenn es endlich leichter wird, wenn wir endlich soweit sind.

Vergangenheit ist das, was war. Zukunft ist das, was vielleicht kommt. Beides hat eine enorme Anziehungskraft – weil beides sich kontrollierbarer anfühlt als das Jetzt. Im Jetzt können wir nicht zurückspulen und nicht vorspulen. Wir können nur da sein.

Und da sein ist gar nicht so einfach, wenn man sich über Jahre antrainiert hat, sich selbst nur dann zu mögen, wenn man gerade etwas „schafft“.

Vielleicht ist das die unbequemste Wahrheit in diesem Zitat: Unfinished business ist nicht das Problem. Das Problem ist, wenn wir unser Leben auf „fertig werden“ verschieben. Wenn wir die Gegenwart wie ein Durchgangszimmer behandeln, statt wie den einzigen Raum, in dem wir wirklich leben können.

Und jetzt?

Vielleicht geht’s nicht darum, alle offenen Enden zu schließen, bevor wir gehen. Vielleicht geht’s darum, die Gegenwart nicht ständig zu versäumen, während wir versuchen, alles abzuhaken.

Ziele behalten – ja. Den Weg ernst nehmen – unbedingt. Und dazwischen öfter mal fragen: Lebe ich gerade – oder erledige ich mich nur durch mein Leben?

Denn glücklich werden wir nicht, wenn wir irgendwann fertig sind. Glück passiert, wenn wir der Gegenwart endlich die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdient. Nicht permanent. Nicht perfekt. Aber regelmäßig genug, dass wir unser eigenes Leben nicht nur aus dem Augenwinkel sehen.

💬 Und du?

Wo bist du gerade häufiger? In dem, was war – oder in dem, was irgendwann sein soll? Und was wäre ein kleiner, machbarer Schritt zurück ins Jetzt, heute?

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Wenn der Maßstab verrutscht.