Wenn der Maßstab verrutscht.

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„Ich will doch nur, dass alles wieder so wie vorher ist.“
Dieser Satz klingt nach Frieden. Nach Sehnsucht. Nach: „Können wir uns bitte alle beruhigen?“ Aber wie vorher ist kein Argument. Es ist ein Wunsch. Und Wünsche sind nicht automatisch gerecht.

Wie vorher heißt oft: so, dass es für mich bequem ist. So, dass ich nichts ändern muss. So, dass ich nicht nachdenken muss. Und genau da fängt mein Problem an: Wenn Bequemlichkeit plötzlich wie ein Anspruch behandelt wird. Als wäre Komfort ein Recht – und Sicherheit nur eine nette Zusatzoption, über die man diskutieren kann.

Bequemlichkeit ist kein Grundrecht

Was mich daran so wütend macht, ist nicht mal, dass Menschen Bequemlichkeit wollen. Natürlich wollen sie die. Ich auch. Was mich wütend macht, ist diese Selbstverständlichkeit, mit der Bequemlichkeit plötzlich als gleichwertige Verhandlungsmasse neben Sicherheit liegt. Als würden wir zwei Dinge auf eine Waage legen und sagen: „Naja, ist halt beides gleich wichtig.“

Nein. Ist es nicht.

Nehmen wir als Beispiel einfach mal den Straßenverkehr. „Ich muss Ewigkeiten einen Parkplatz suchen“ ist ein Ärgernis. „Ich muss auf die Straße ausweichen, weil der Gehweg blockiert ist“ ist ein Risiko. Ärger ist unangenehm. Risiko ist gefährlich. Das ist keine Geschmackssache, das ist eine komplett andere Kategorie. Das eine kostet Nerven. Das andere kann Leben kosten.

Und trotzdem wird so getan, als wäre das fair, als hätten beide Seiten „einfach unterschiedliche Bedürfnisse“. Als könnten wir das mit einem Kompromiss lösen, der sich für alle gleich anfühlt. Tut er aber nicht, weil die Konsequenzen nicht gleich verteilt sind.

Wenn wir so rechnen, ist das kein Meinungskonflikt. Das ist schlechte Mathematik. Und dabei wird diese Unlogik oft mit erstaunlicher Überzeugung vorgetragen. Als würde Lautstärke ein Argument schwerer machen. Als würde Gewohnheit automatisch Recht bedeuten. Als wäre „war schon immer so“ plötzlich eine Art Gütesiegel.

Ist es nicht. Wie vorher ist keine Waage. Und Bequemlichkeit ist kein Grundrecht.

Wer zahlt den Preis?

Und genau hier kippt es vom „unterschiedliche Bedürfnisse“-Gerede in etwas sehr Konkretes: Wer trägt eigentlich die Konsequenzen? Denn der Preis für Bequemlichkeit wird selten von denen bezahlt, die sie einfordern. Der landet bei denen, die sich nicht einfach „irgendwie arrangieren“ können.

Kinder zum Beispiel. Menschen mit Rollstuhl oder Rollator. Eltern mit Kinderwagen. Menschen, für die „ein bisschen enger“ nicht nur unpraktisch ist, sondern eine tägliche Entscheidung zwischen Stress und Gefahr. Und das ist kein moralischer Satz, das ist Logik: Wer Platz braucht, braucht Platz. Wer Schutz braucht, braucht Schutz.

Aber diese Gruppe ist selten laut. Sie organisiert keine empörten Treffen, sie schreibt keine wütenden Aushänge, sie hat keine komfortable Bühne, auf der sie erklären kann, warum „wie früher“ für sie keine Lösung ist. Sie macht das, was Menschen in solchen Situationen immer machen: Sie weicht aus. Tag für Tag. Und je öfter jemand ausweicht, desto leichter wirkt das Problem für alle, die nie ausweichen mussten.

Und dann sitze ich in solchen Diskussionen und merke mal wieder: Hier wird nicht nur ein Konflikt verhandelt, hier wird eine Realität unsichtbar gemacht. Es wird so getan, als wäre das eine harmlose Gewohnheitsfrage. Als ginge es um Komfort auf der einen Seite und ein bisschen Empfindlichkeit auf der anderen. Dabei ist es in Wahrheit eine Kostenverlagerung: Der Vorteil bleibt bei den einen, das Risiko wandert wieder zu den anderen.

Das ist das, was mich so wütend macht: Nicht, dass Menschen es bequem wollen. Sondern dass sie ihr Bedürfnis nach Bequemlichkeit mit dem Sicherheitsbedürfnis von anderen, gleichsetzen.

Und jetzt?

Ich kann mit unterschiedlichen Meinungen leben. Wirklich. Was ich schwer ertrage, ist diese Art von Diskussion, in der Lautstärke plötzlich den Maßstab ersetzt. In der „Ich finde das doof“ genauso behandelt wird wie „Das ist gefährlich“. In der „Ich will’s wieder wie früher“ so klingt, als wäre das schon Argument genug. Als müsste sich die Realität der anderen dem Wunsch nach Gewohnheit unterordnen, nur weil der Wunsch energisch genug vorgetragen wird.

Aber so funktioniert Verantwortung nicht. Der Maßstab ist nicht, wie sehr sich jemand im Recht fühlt. Der Maßstab ist, welche Folgen eine Entscheidung hat – und für wen. Und sobald wir das ehrlich mitdenken, wird diese vermeintliche Gleichwertigkeit ganz schnell brüchig: Komfort ist ein Wunsch. Sicherheit ist ein Grundbedürfnis.

Und wenn jemand in einer Debatte seiner Bequemlichkeit dasselbe Gewicht zumisst wie meiner Sicherheit, dann haben wir keine Meinungsverschiedenheit, sondern dann ist offensichtlich seine Waage kaputt.

💬 Und du?

Wo hast du zuletzt gemerkt, dass jemand „Mein Gefühl“ als Argument benutzt hat – obwohl es eigentlich um die Folgen für andere ging?

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Nein to five.