Grenze: Angst

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Mit diesem Beitrag geht meine kleine Miniserie „Innerhalb der Grenzen“ weiter. Darin geht es um die Einschränkungen, mit denen ich lebe — nicht nur um die sichtbaren, sondern auch um die stellen,  an denen der Wille da ist, die Idee auch, manchmal sogar ein Plan — und ich trotzdem an eine Grenze stoße: Angst. 

Angst ist eine dieser Grenzen, die leider keine Tür hat, an die ich ein hübsches Schild hängen kann. „Bitte nicht stören, ich arbeite gerade an meinem Leben.“ Sie kommt trotzdem rein. Ohne zu klopfen. Setzt sich auf den besten Platz im Kopf und tut so, als hätte sie ihn gebucht.

Manchmal ist sie nur ein leises Hintergrundrauschen. So wie ein alter Kühlschrank, den man erst bemerkt, wenn er plötzlich aus ist. Und manchmal ist sie riesig. Dann steht sie mitten im Raum, nimmt das Licht weg und tut so, als wäre sie die Realität persönlich.

In meiner Miniserie „Innerhalb der Grenzen“ geht es um Einschränkungen, mit denen ich lebe. Um Zeit. Raum. Geld. Kraft. Und jetzt eben um Angst. Nicht um diese dekorative Angst, von der wir in Rückblicken so schön erzählen können, wenn am Ende alles gut ausgegangen ist. Sondern um die, die mittendrin sitzt und sagt: „Na? Sicher, dass du das kannst?“

Nicht gut genug

Eine meiner hartnäckigsten Ängste ist die, dass ich am Ende vielleicht gar nicht so gut bin, wie ich manchmal glaube.

Das klingt erstmal fast bescheiden. Ist es aber nicht. Es ist eher so eine innere Qualitätskontrolle mit schlechter Laune. Ich kann etwas machen, es gelungen finden, kurz stolz sein — und dann kommt irgendwo aus der hintersten Ecke meines Kopfes eine kleine Stimme mit Klemmbrett und sagt: „Interessant. Aber hast du schon bedacht, dass das vielleicht nur in deinem Kopf gut ist?“

Und dann geht es los.

Vielleicht sind meine Ideen gar nicht besonders. Vielleicht wirkt mein Humor nur auf mich selbst. Vielleicht ist mein Stil nicht einzigartig, sondern einfach eine Geschmacksverirrung. Vielleicht baue ich mir gerade mein ganzes Kreativatelier auf einem Fundament aus Größenwahn und Stoffresten.

Das Gemeine ist: Angst benutzt manchmal echte Fragen. Sie kommt nicht immer völlig absurd daher. Sie fragt Dinge, über die ich durchaus nachdenken darf. Bin ich gut genug? Gibt es einen Markt für das, was ich vorhabe? Werde ich davon leben können? Habe ich wirklich etwas anzubieten?

Angst stellte diese Fragen aber nicht, weil sie eine Antwort sucht. Sie stellt sie, um Bewegung zu verhindern. Sie tut so, als wäre Nachdenken dasselbe wie Vorsicht — und Vorsicht dasselbe wie Sicherheit. Am Ende sitze ich dann nicht mit einer Lösung da, sondern mit einem sehr gut begründeten Stillstand.

Keine Resonanz

Und dann ist da die große Angst, dass all das, was ich gerade aufbaue, am Ende einfach nicht trägt.

Dass ich Räume vorbereite, Ideen entwickle, Angebote plane, Herzblut hineinlege — und dann bleibt es still.

Keine Buchungen. Keine Resonanz.

Diese Vorstellung kann mich wirklich packen. Weil sie nicht nur an meinem Business kratzt, sondern an etwas viel Persönlicherem. An der Frage, ob das, was ich zu geben habe, überhaupt jemand haben will. Ob meine Ideen außerhalb meines eigenen Kopfes noch funktionieren. Ob aus dem, was sich für mich so richtig anfühlt, auch etwas werden kann, das für andere Bedeutung hat.

Grenzen einreißen

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zu all den anderen Grenzen, über die ich bisher geschrieben habe.

Mit wenig Zeit kann ich planen. Mit wenig Raum kann ich stapeln, schieben, Rollen unter Regale schrauben und so tun, als wäre das ein ausgeklügeltes Raumkonzept und nicht einfach nur Tetris mit Nähmaschinen. Mit wenig Geld kann ich umbauen, improvisieren, zweckentfremden. Mit wenig Kraft kann ich Hebel nutzen, Umwege finden, Möbel überreden.

Innerhalb dieser Grenzen kann ich kreativ werden. Manchmal sogar gerade deshalb. Ich kann mich anpassen, Lösungen bauen, aus Einschränkungen Ideen machen. Ich kann innerhalb der Begrenzung trotzdem etwas erschaffen, das funktioniert.

Bei Angst funktioniert das anders.

Angst ist keine Grenze, innerhalb derer ich gemütlich umdekorieren kann. Ich kann sie nicht hübsch beschriften, nicht auf Rollen setzen, nicht mit Kabelbindern befestigen und sagen: „So, jetzt passt das schon.“ Angst lässt sich nicht dadurch lösen, dass ich um sie herum arbeite.

Der einzige Weg aus der Angst heraus führt mitten durch sie hindurch.

Unangenehm. Aber immerhin weiß ich, wo ich lang muss.

💬 Und du?

Welche Grenze fordert gerade deinen Mut — nicht deine Kreativität, nicht deine Planung, nicht deine Fähigkeit, noch irgendwo ein Regal hinzuquetschen, sondern wirklich deinen Mut?

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Entschuldigung.