Grenze: Kraft

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Mit diesem Beitrag geht meine kleine Miniserie „Innerhalb der Grenzen“ weiter. Darin geht es um die Einschränkungen, mit denen ich lebe — nicht nur um die sichtbaren, sondern auch um die, die sich erst im alltag bemerkbar machen. um die stellen, an denen der will da ist, die Idee auch, manchmal sogar der mut - und ich trotzdem an eine grenze stoße:

Kraft

Ich bin grundsätzlich ein Mensch, der alles lieber selbst löst. Ich hasse es, auf andere angewiesen zu sein. Um Hilfe zu bitten fühlt sich für mich oft nicht nach einer kleinen sozialen Geste an, sondern nach einer persönlichen Niederlage mit Ansage. Ich würde manchmal wirklich lieber komplizierte Umwege gehen, als einfach jemanden zu fragen.

Das ist nicht besonders effizient, ich weiß. Aber Effizienz war in solchen Momenten noch nie mein zentrales Anliegen. Es geht eher um dieses Gefühl, Dinge aus eigener Kraft schaffen zu wollen. Unabhängig zu sein. Mich nicht klein zu fühlen. Mich nicht in die Situation zu bringen, sagen zu müssen: Kannst du mal kurz? Obwohl ich natürlich weiß, dass genau dieser Satz für andere Menschen meistens überhaupt keine große Sache ist.

Für mich aber eben schon.

Mein Kopf überschätzt meinen Körper regelmäßig

Das Problem ist nur: Ich bin kein besonders großer Mensch. Und auch wenn ich für meine Körpergröße wirklich ordentlich Kraft habe, hebt das die Gesetze der Physik leider nicht auf. Es gibt Dinge, die sich nicht mit Entschlossenheit bewegen lassen. Riesige Möbelstücke zum Beispiel. Hohe Schränke. Schweres, Sperriges, Unhandliches. Alles, was gleichzeitig zu groß, zu schwer oder zu weit oben ist, benimmt sich mir gegenüber oft, als hätte es persönlich etwas gegen mich.

Natürlich versuche ich es trotzdem. Mit erstaunlicher Ausdauer und teilweise besorgniserregender Kreativität.

Wenn etwas zu hoch liegt, hole ich Stühle, Leitern oder baue mir Konstruktionen, die vermutlich in keinem sicherheitsrelevanten Kontext als gute Idee durchgehen würden. Wenn ein Möbelstück zu schwer ist, überlege ich, wie ich es überlisten kann: Handtuch oder Decke drunter, Hebelwirkung, schieben statt tragen, einmal tief durchatmen und so tun, als hätte ich einen soliden Plan. Mein Kopf ist in solchen Momenten sehr lösungsorientiert. Fast schon übermotiviert. Er ist fest davon überzeugt, dass sich für jedes Problem ein Trick finden lässt, wenn ich nur lange genug stur bleibe.

Und ehrlich gesagt funktioniert das erstaunlich oft sogar.

Aber manches lässt sich nicht austricksen

Ich weiß, dass ich nicht grundsätzlich hilflos bin. Dass ich vieles tatsächlich allein hinbekomme. Dass ich oft Wege finde, wo andere einfach direkt nach Hilfe fragen würden. Ich kann mich anpassen, improvisieren, tüfteln, tricksen. Ich bin nicht schwach. Ich bin nur begrenzt.

Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen auch die beste Idee nicht reicht. In denen der Körper irgendwann einfach sagt: Nein. Nicht heute. Nicht allein. Nicht so.

Diese Momente machen mich oft wütend. Nicht nur, weil etwas nicht funktioniert, sondern weil sie mich an etwas erinnern, das ich wahnsinnig ungern wahrhaben will: dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, wirklich alles alleine zu können. Dass es Situationen gibt, in denen mein Wille groß ist, mein Einfallsreichtum auch, aber meine Arme trotzdem nicht länger, meine Hände nicht kräftiger und meine Körpergröße nicht plötzlich 15 Zentimeter mehr wird, nur weil ich mir das wirklich sehr doll wünsche.

Ich glaube, mich ärgert daran vor allem, dass mein Kopf oft weiter will, als mein Körper mitkommt. Dass innen so viel „Ich mach das schon“ ist und außen dann manchmal einfach ein zu schwerer Schrank steht.

Hilfe holen ist nicht das Gegenteil von Stärke

So ungern ich es zugebe: Manchmal geht es eben nicht anders. Manchmal muss ich jemanden fragen. Nicht, weil mir nichts eingefallen wäre. Nicht, weil ich es nicht versucht hätte. Sondern weil irgendwann wirklich Schluss ist mit Tricksen, Stapeln, Ziehen, Improvisieren und stillem Verhandeln mit unbeweglichen Gegenständen.

Ich mag das nicht. Und werde es höchstwahrscheinlich auch nie mögen. Aber ich bin gleichzeitig froh darüber, dass ich eben nicht bei allem sofort Hilfe brauche. Dass ich mir in vielen Situationen selbst helfen kann. Dass ich Ideen finde. Dass ich Lösungen baue, wo auf den ersten Blick keine sind. Und ich bin auch froh darüber, dass die Menschen in meinem Umfeld vermutlich genau wissen: Wenn ich wirklich um Hilfe bitte, dann nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil ich vorher schon ungefähr siebzehn andere Möglichkeiten ausprobiert habe.

Vielleicht ist das am Ende die Grenze, um die es hier eigentlich geht: nicht nur die meines Körpers, sondern auch die meines Selbstbildes. Die Stelle, an der ich lerne, dass Stärke nicht immer heißt, alles alleine zu schaffen. Manchmal heißt stark sein auch einfach, um Hilfe zu bitten und diese auch anzunehmen.

P.S. Ich esse trotzdem weiterhin regelmäßig Spinat. Auch wenn der Mythos längst überholt ist, hoffe ich insgeheim trotzdem, dass ich dadurch stärker werde.

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Grenze: Raum