Grenze: Raum

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Mit diesem Beitrag geht meine kleine Miniserie „Innerhalb der Grenzen“ weiter. Darin geht es um die Einschränkungen, mit denen ich lebe — nicht nur um die nervigen, offensichtlichen, sondern auch um die, die mein Denken, Entscheiden und Arbeiten überhaupt erst in Form bringen. Diesmal geht es um eine Beschränkung, die oft banaler wirkt, als sie sich im Alltag anfühlt:

Raum

Es gibt Beschränkungen, die wirken auf den ersten Blick fast lächerlich unspektakulär. Kein großes Drama, kein Schicksalsschlag, nichts, worüber man pathetisch aus dem Fenster schauen müsste. Einfach nur: zu wenig Platz.

Und trotzdem kann genau das eine erstaunlich wirksame Grenze sein.

Raum ist für mich nicht einfach nur die Frage, ob irgendwo noch ein Regal hinpasst. Raum entscheidet oft darüber, ob ich etwas überhaupt anfangen kann. Ob ich etwas angenehm machen kann. Ob ich konzentriert arbeiten kann. Ob eine Idee in meinem Kopf bleiben darf oder schon an der Wohnungstür scheitert.

Es gibt Arbeiten, für die ich Fläche brauche. Ablage. Bewegungsfreiheit. Die Möglichkeit, etwas liegen zu lassen, ohne dass es sofort wieder weggeräumt werden muss, weil man sonst nirgendwo mehr atmen, essen oder leben kann. Und wenn dieser Raum nicht da ist, dann fühlt sich selbst ein kleines Vorhaben plötzlich an wie ein logistisches Großprojekt mit zu wenig Personal und einem sehr schlechten Lagerkonzept.

Lange hat mich das wahnsinnig frustriert.

Nicht nur, weil es unpraktisch war. Sondern auch, weil es sich angefühlt hat wie ein ständiges „Geht nicht“. Nicht, weil ich etwas nicht konnte. Nicht, weil ich keine Ideen hatte. Sondern weil schlicht der Platz fehlte. Und es ist erstaunlich nervig, wenn die eigene Kreativität regelmäßig an banalen Quadratmetern hängen bleibt.

Ich hätte zum Beispiel sehr überzeugend sagen können: Nähen ist eben nichts für mich. Nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Mangel an Raum. Kein eigenes Nähzimmer, keine freie Ecke, kein sinnvoller Arbeitsplatz. Klingt erst mal plausibel. Fast vernünftig.

Stattdessen habe ich mir einen Näharbeitsplatz gebaut, der objektiv betrachtet wahrscheinlich keine Designpreise gewonnen hätte, aber dafür etwas viel Wichtigeres konnte: existieren.

Im Grunde war es ein rollbares Sideboard in Stehhöhe. Darauf stand meine Nähmaschine, darin war mein Nähzeug, und weil ich keinen zusätzlichen Platz für einen Stuhl brauchte, konnte ich dieses Konstrukt einfach durch die Wohnung bewegen und dort nähen, wo gerade irgendwie Leben zwischen all den anderen Dingen möglich war. Schön war das nicht im klassischen Sinn. Aber es war genial in diesem sehr speziellen Sinn, in dem etwas genial ist, wenn es ein Problem löst, das eigentlich schon als unlösbar galt.

So ähnlich war es auch mit meinem ersten Kreativzimmer. Ich habe es geschafft, auf knapp vier Quadratmetern einen Raum einzurichten, in dem ich gleichzeitig nähen, sticken, plotten, zuschneiden und noch andere Dinge tun kann, für die auf dem Papier eigentlich deutlich mehr Platz nötig wäre. Es ist kein großzügiges Kreativstudio mit langen Arbeitsflächen und reichlich Platz für alles, was gerade noch irgendwo untergebracht werden muss. Aber es funktioniert. Und mehr noch: Es funktioniert nicht trotz der Enge, sondern auf eine seltsame Weise auch wegen ihr.

Denn die Begrenzung des Raums zwingt mein Gehirn dazu, Lösungen zu finden.

Nicht irgendwann. Nicht theoretisch. Sondern sofort und sehr konkret. Wohin mit dem Material. Wie kann ein Möbelstück zwei Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Was muss klappbar, rollbar, stapelbar, verschiebbar oder hochkant denkbar werden. Was ist wirklich nötig. Was nur bequem. Und wie kann ich mit dem arbeiten, was da ist, statt meine gesamte Energie darauf zu verwenden, dem hinterherzutrauern, was nicht da ist.

Ich finde diese Grenze noch immer nicht romantisch. Zu wenig Platz bleibt zu wenig Platz. Das ist nicht plötzlich charmant, nur weil ich einen halbwegs cleveren Wagen auf Rollen gebaut habe. Es nervt mich auch heute noch. Aber ich habe verstanden, dass genau diese Begrenzung etwas in Gang setzt, das ich sonst vielleicht so nie trainiert hätte.

Sie zwingt mein Gehirn auf einen Weg, den es ohne Not gar nicht nehmen würde: den Weg der kreativen Lösung.

Und je öfter es diesen Weg läuft, desto weniger ist es irgendwann ein zugewucherter Trampelpfad und desto mehr eine gut ausgebaute Autobahn. Dann geht es irgendwann nicht mehr nur um Platzprobleme. Dann wird daraus eine Denkweise. Ein Reflex fast. Ein inneres „Okay, was geht trotzdem?“ statt eines vorschnellen „Dann eben nicht“.

Vielleicht ist das das eigentlich Interessante an Grenzen: Dass sie nicht nur begrenzen. Manchmal schulen sie auch.

Nicht, weil sie nett wären. Sondern weil sie unser Gehirn zwingen, beweglicher zu werden, als es es ohne sie jemals hätte sein müssen.

P.S. So sehr mich meine vier Quadratmeter das kreative Improvisieren gelehrt haben: Ich freue mich trotzdem sehr darauf, dass dieses kleine Atelier bald auf größerer Fläche wachsen darf.

💬 Und du?

Welche räumliche Grenze hat dich schon einmal zu einer Lösung gezwungen, auf die du ohne sie nie gekommen wärst?

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Grenze: Zeit