Holzstaub im Kopf.

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Mein Tag beginnt momentan ziemlich gut. Zumindest sobald ich es endlich aus dem Bett geschafft habe. Dann fahre ich morgens mit dem Rennrad los, habe frische Luft im Gesicht, Bewegung in den Beinen und das angenehme Gefühl, schon etwas für mich getan zu haben, bevor der eigentliche Arbeitstag überhaupt anfängt.

Ich fahre in mein Atelier. Also an den Ort, der langfristig mein Atelier werden soll und aktuell noch mit bemerkenswerter Konsequenz so aussieht, als hätten Baustelle und Kreativität beschlossen, gemeinsam etwas Großes aufzuziehen.

Es ist noch nicht fertig. Nicht einmal besonders elegant unfertig. Eher praktisch, staubig, chaotisch und voller Dinge, die noch werden wollen. Aber genau das liebe ich gerade daran. Denn dort passiert etwas. Dort wächst etwas. Und ich mittendrin, meistens mit einem Akkuschrauber in der Hand und Plänen im Kopf, die irgendwo zwischen „eigentlich ganz vernünftig“ und „ich säge das jetzt einfach mal durch“ liegen.

Was wäre wenn

Ich baue dort gerade Möbel. Selbst. Einfach so.

Nicht, weil ich plötzlich heimlich Schreinerin geworden bin, sondern weil ich anscheinend nicht besonders gut darin bin, Dinge einfach in dem Zustand zu akzeptieren, in dem sie sind. Wenn ein Schreibtisch nicht passt, bleibt er nicht einfach ein unpassender Schreibtisch. Dann wird er zersägt, neu zusammengesetzt und im besten Fall etwas, das tatsächlich sinnvoll ist. Wenn eine Kommode so nicht funktioniert, wird sie eben Teil einer Empfangstheke. Wenn die günstigsten Regale, die ich finden konnte erstmal nach „naja“ aussehen, sehe ich darin offenbar einen großen Schrank mit Schiebetüren.

Ich arbeite also mit Säge, Bohrmaschine, Schrauben, Dübeln, Kleber und einer Menge Improvisation. Und mit „Improvisation“ meine ich natürlich hochprofessionelle kreative Lösungsfindung mit gelegentlichen Momenten, in denen ich reglos vor einem Brett stehe und mich frage, warum ich mir das Leben eigentlich grundsätzlich gern etwas komplizierter mache.

Die Antwort ist vermutlich: weil ich es liebe.

Ich liebe dieses Umbauen, Umdenken, Neu-Erfinden. Ich liebe es, vorhandene Möbel nicht einfach hinzunehmen, sondern sie so lange zu bearbeiten, bis sie zu dem Raum passen, den ich im Kopf längst sehe. Ich kaufe ungern einfach etwas fertig. Zumindest nicht, um es dann brav genauso zu lassen. Mich reizt viel mehr die Frage, was daraus noch werden könnte.

Meditation

Im Atelier zu arbeiten ist für mich das, was für andere vermutlich Meditation ist. Nur mit etwas mehr Lärm und einem leicht erhöhten Verletzungspotenzial.

Wenn ich dort bin, bin ich ganz da. Dann denke ich nicht gleichzeitig an fünf andere Dinge. Dann sortiert sich mein Kopf über konkrete Handgriffe. Messen. Sägen. Schrauben. Umplanen. Nochmal neu überlegen. Doch nicht so. Anders. Besser. Weiter.

Es ist eine Form von Kreativität, die sich komplett anders anfühlt als Schreiben, aber trotzdem aus derselben Quelle kommt. Und genau das ist gerade das Interessante daran: Meine Kreativität ist nicht weg. Sie sitzt nur im Moment nicht am Schreibtisch. Sie steht in Arbeitsklamotten im Atelier und überlegt, wie man aus ein paar Regalbrettern und einer ziemlich optimistischen Idee etwas Brauchbares baut.

Der einzige Nachteil ist: Sie ist dort gerade sehr beschäftigt.

Denn all meine Gedanken drehen sich im Moment um dieses Atelier. Um Möbel. Um Lösungen. Um Raum. Um Umbauten. Um das, was noch fehlt und das, was schon langsam Form annimmt. Und so sehr ich mich weiterhin bemühe, Texte zu schreiben, merke ich doch, dass das Schreiben gerade leidet. Nicht, weil ich nichts zu sagen hätte. Sondern weil ein großer Teil meiner kreativen Energie im Moment woanders arbeitet.

Man könnte auch sagen: Die Kreativität ist noch da, aber sie ist aktuell mehr Team Bohrmaschine als Team Blogbeitrag.

Änderung im Takt

Und weil ich das inzwischen ziemlich deutlich merke, habe ich beschlossen, meine Routine anzupassen.

Nach fast genau einem Jahr werde ich hier ab jetzt nicht mehr zweimal pro Woche veröffentlichen, sondern nur noch einmal. Neue Beiträge gibt es künftig nur noch donnerstags.

Nicht, weil mir das Schreiben nicht mehr wichtig wäre. Im Gegenteil. Gerade weil es mir wichtig ist, möchte ich ihm nicht nur den Rest meiner Energie hinwerfen, der nach Holzstaub, Möbelideen und Baumarktgedanken noch übrig bleibt. Ich möchte lieber ehrlich darauf reagieren, wie mein Leben gerade tatsächlich aussieht, statt so zu tun, als müsste jede Phase exakt in denselben Rhythmus passen.

Im Moment baut meine Kreativität einfach lieber Schränke als Sätze.

💬 Und du?

Kennst du das Gefühl, dass etwas so viel Energie zieht, weil es genau das Richtige ist — auch wenn dadurch anderes erstmal liegen bleibt?

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Grenze: Angst