Kollateralschaden
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Ich habe schon öfter Dinge abbekommen, die eigentlich nicht für mich bestimmt waren.
Stimmungen zum Beispiel. Vorwürfe. Schweigen. Diese besonders angenehme Sorte Anspannung, bei der alle so tun, als wäre nichts, während innerlich schon der Katastrophenschutz informiert ist.
Und ich stehe daneben und denke: Interessant. Ich war gar nicht angemeldet.
Manchmal werden wir nicht getroffen, weil jemand auf uns gezielt hat.
Manchmal stehen wir einfach nur ungünstig.
Zwischen zwei Menschen, zwei Meinungen, zwei Verletzungen, zwei Egos, zwei Geschichten, die schon lange vor uns begonnen haben. Und plötzlich fliegt etwas durch die Gegend, das gar nicht für uns bestimmt war, aber trotzdem einschlägt.
Ein Satz. Ein Vorwurf. Eine Stimmung. Ein Schweigen. Eine Entscheidung.
Und da stehe ich dann. Mitten im Trümmerfeld. Ohne eigene Kriegserklärung. Ohne Uniform. Ohne überhaupt gewusst zu haben, dass ich offiziell Teil dieses Konflikts bin.
Herzlichen Glückwunsch. Kollateralschaden.
Wenn ich plötzlich im falschen Raum stehe
Es gibt Situationen, in denen ich merke: Hier geht es eigentlich gar nicht um mich. Das Problem ist nur, dass diese Erkenntnis den Einschlag nicht unbedingt weicher macht.
Wenn jemand wütend ist, aber nicht auf mich. Wenn jemand enttäuscht ist, aber diese Enttäuschung an der falschen Stelle ablädt. Wenn zwei Menschen ein ungeklärtes Thema miteinander haben und ich zufällig die Person bin, die gerade danebensteht, mit einem freundlichen Gesicht und offenbar ausreichend emotionaler Auffangfläche.
Dann kann ich noch so vernünftig denken: Das hat nichts mit mir zu tun.
Mein Körper hört trotzdem: Gefahr.
Mein Herz hört: Ablehnung.
Mein Kopf hört: Was habe ich falsch gemacht?
Und schon beginne ich, Verantwortung für etwas zu übernehmen, das mir gar nicht gehört. Ich suche nach meinem eigenen Anteil in einem Drama, in dem ich eigentlich nicht einmal eine Nebenrolle habe, sondern höchstens Requisite bin.
Aber auch Requisiten können umfallen, wenn genug gebrüllt wird.
Nicht gemeint ist nicht dasselbe wie nicht verletzt
Ich glaube, einer der schwierigsten Sätze in solchen Momenten ist: „Das war doch gar nicht gegen dich.“
Mag sein.
Aber es ist bei mir angekommen.
Nicht alles, was mich verletzt, war als Verletzung geplant. Nicht jeder Schaden entsteht aus Absicht. Manchmal entsteht er aus Überforderung, aus Unachtsamkeit, aus altem Schmerz, der sich einen neuen Ausgang sucht. Und manchmal bin ich einfach die Wand, gegen die etwas prallt.
Das macht es erklärbarer.
Aber nicht automatisch harmlos.
Denn wenn jemand seine Wut nicht sortiert bekommt, kann sie mich trotzdem treffen. Wenn jemand seine Enttäuschung nicht bei der richtigen Adresse abgibt, kommt sie trotzdem irgendwo an. Und wenn jemand einen Konflikt führt, ohne darauf zu achten, wer dabei mit in den Raum gezogen wird, dann bleibt manchmal eben etwas hängen.
Ein Gefühl. Eine Unsicherheit. Ein kleiner Riss in etwas, das vorher ganz war.
Und dann stehe ich da und versuche, mir selbst zu erklären, dass ich nicht übertreiben soll, weil es ja gar nicht um mich ging.
Als würde Schmerz höflich vorher prüfen, ob er offiziell zuständig ist.
Zwischen den Fronten ist kein neutraler Ort
„Zwischen den Fronten“ klingt immer so, als könne ich dort irgendwie sicher stehen. Als wäre das ein diplomatischer Mittelstreifen. Links wird gestritten, rechts wird gestritten, und ich stehe in der Mitte mit Warnweste und Klemmbrett und sage Dinge wie: „Ich verstehe beide Seiten.“
In der Realität ist die Mitte oft der ungemütlichste Ort von allen.
Weil von beiden Seiten etwas kommt.
Erwartungen. Andeutungen. Loyalitätsprüfungen. Subtile Botschaften, die ich bitte gleichzeitig weitertragen, aber natürlich nicht weitertragen soll. Blicke, die sagen: Du weißt schon, was richtig ist.
Nein. Weiß ich nicht. Ich wollte eigentlich nur kurz Speisestärke holen.
Manchmal werden wir in Konflikte hineingezogen, weil andere es nicht aushalten, dass wir nicht eindeutig auf einer Seite stehen. Unsere Neutralität wird dann nicht als Ruhe verstanden, sondern als Verrat in Warteposition. Und plötzlich muss ich mich rechtfertigen für eine Schlacht, die ich weder begonnen noch bestellt habe.
Dabei ist es gar nicht immer Feigheit, nicht mitzukämpfen.
Manchmal ist es Selbstschutz.
Manchmal ist es Klarheit.
Manchmal ist es der sehr vernünftige Wunsch, nicht jedes fremde Feuer mit der eigenen Jacke löschen zu müssen.
Und jetzt?
Das Gemeine an Kollateralschäden ist: Sie entstehen durch etwas, das nicht wirklich zu mir gehört, aber danach muss ich trotzdem damit leben.
Ich kann mich nicht einfach hinstellen und sagen: „Entschuldigung, dieser Riss in mir ist nicht korrekt adressiert, bitte zurück an den Absender.“
Schön wäre es.
Stattdessen bleibe ich mit den Folgen da. Mit der Frage, warum mich etwas so getroffen hat. Mit dem Versuch, meinen eigenen Platz wiederzufinden. Mit diesem leisen Bedürfnis, dass irgendjemand wenigstens merkt: Ich bin hier nicht unverletzt rausgegangen.
Und vielleicht beginnt genau dort die eigentliche Grenze.
Nicht darin, sofort zu verstehen, warum andere so gehandelt haben. Nicht darin, alles großzügig zu entschuldigen, weil ich ja weiß, dass Menschen kompliziert sind und ihre inneren Baustellen selten mit Absperrband sichern.
Sondern darin, ernst zu nehmen, dass auch unbeabsichtigter Schaden Schaden ist.
Ich muss nicht dramatisieren, was passiert ist.
Aber ich muss es auch nicht kleinreden, nur weil ich nicht das eigentliche Ziel war.
Vielleicht reicht es manchmal schon, innerlich einen Schritt zurückzutreten und zu sagen: Das hier gehört nicht alles mir. Ich kann Mitgefühl haben, ohne mich zur Einschlagstelle zu machen. Ich kann verstehen, dass andere kämpfen, ohne mich freiwillig mitten aufs Schlachtfeld zu stellen.
Vielleicht darf ich lernen, nach einem Einschlag nicht sofort aufzuräumen, was andere hinterlassen haben.
Nicht jeden Splitter einzusammeln. Nicht jede Spannung zu glätten. Nicht jeden fremden Konflikt so lange in mir herumzutragen, bis er aussieht wie mein eigener.
Manches gehört nicht zu mir.
Auch dann nicht, wenn es bei mir gelandet ist.
💬 Und du?
Kennst du das Gefühl, plötzlich zwischen den Fronten zu stehen, obwohl du eigentlich nur zufällig in der Nähe warst? Vielleicht lohnt sich dann die Frage: Was davon gehört wirklich zu dir — und was wurde nur bei dir abgeladen, weil du gerade erreichbar warst?