Immer auch Mama.

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Es gibt Dinge, die lassen sich nicht einfach ausblenden, nur weil gerade etwas anderes dran ist.

Ein Kind zum Beispiel.

Ich kann ein Atelier aufbauen, Möbel schleppen, Wände streichen, Texte schreiben, Produkte planen, Workshops vorbereiten, Preise kalkulieren, Rechnungen sortieren, mir Gedanken über Sichtbarkeit, Selbstständigkeit und irgendeine halbwegs realistische Zukunft machen.

Aber ich mache nichts davon als völlig freie, ungebundene Einzelperson, die morgens aufsteht und nur überlegen muss, worauf sie heute Lust hat.

Ich bin bei allem, was ich tue, immer auch Mama.

Nicht als Nebensatz. Nicht als Fußnote. Nicht als kleiner organisatorischer Sonderfall zwischen Steuerordner und Akkuschrauber.

Sondern als Grundbedingung.

Und ja, manchmal ist das anstrengend.

Aber es ist auch genau richtig so.

Ich plane nie nur für mich

Wenn ich Entscheidungen treffe, denke ich selten nur: Was will ich?

Ich denke: Was will ich — und was bedeutet das für uns?

Kann ich diesen Termin machen? Passt das mit Abholen, Bringen, Essen, Schlaf, Ferien, Krankheit, Launen, plötzlichen Bastelwünschen, verlorenen Socken und sehr dringenden Gesprächen über Dinge, die für Erwachsene zufällig wirken, für Kinder aber offenbar von weltpolitischer Bedeutung sind?

Ich kann nicht einfach jeden Abend Workshops anbieten, nur weil das wirtschaftlich vielleicht sinnvoll wäre. Ich kann nicht jede Gelegenheit annehmen, nur weil sie gut klingt. Ich kann nicht jeden Gedanken sofort zu Ende denken, nur weil er gerade da ist und sich wichtig macht.

Mein Leben hat keine leere Fläche, auf die ich meine Selbstständigkeit einfach großzügig ausbreiten kann.

Mein Leben hat bereits einen Mittelpunkt.

Und der trägt manchmal Gummistiefel, manchmal schlechte Laune und manchmal beide Arme um meinen Hals.

Ich möchte es auch gar nicht anders

Der entscheidende Punkt ist: Ich muss das nicht nur berücksichtigen.

Ich möchte es.

Natürlich gibt es Tage, an denen ich mir vorstelle, wie unfassbar viel ich schaffen könnte, wenn ich einfach mal zwölf Stunden am Stück arbeiten könnte, ohne dass irgendjemand Hunger hat, etwas sucht, etwas wissen will oder sehr spontan der Meinung ist, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für emotionale Großwetterlage wäre.

Aber dann denke ich auch: Ja. Und?

Dann wäre vielleicht mehr fertig.

Aber nicht unbedingt mehr richtig.

Ich baue mir gerade etwas auf. Etwas Eigenes. Etwas, das tragen soll. Aber ich möchte mir nichts aufbauen, das am Ende so groß wird, dass mein eigenes Kind darin keinen Platz mehr hat.

Das wäre dann zwar ein Unternehmen.

Aber kein Leben, das ich führen möchte.

Erfolg, aber bitte mit Kinderzimmer daneben

Manchmal fühlt sich diese Grenze unbequem an. Weil die Welt Erfolg oft so erzählt, als müsste man dafür möglichst verfügbar, flexibel und grenzenlos belastbar sein.

Als wäre echte Ambition nur dann glaubwürdig, wenn sie sich anfühlt wie Selbstaufgabe mit schönem Branding.

Ich glaube das nicht.

Oder sagen wir: Ich versuche sehr konsequent, es nicht zu glauben. Mit wechselhaftem Erfolg, aber immerhin dekorativem Trotz.

Ich möchte wachsen. Ich möchte sichtbar werden. Ich möchte mit meiner Arbeit Geld verdienen. Ich möchte, dass aus Ideen Produkte werden, aus Räumen Möglichkeiten und aus „mal sehen“ irgendwann ein tragfähiges „so machen wir das“.

Aber ich möchte nicht so tun, als wäre Mamasein dabei ein störender Umstand, den ich möglichst professionell kaschieren muss.

Es gehört dazu.

Mal als Grenze. Mal als Unterbrechung. Mal als Grund, warum ich abends nicht noch schnell „nur eben“ drei Dinge erledige, was bekanntlich die größte Lüge nach „Ich räume das später weg“ ist.

Und vielleicht ist das gar nicht nur hinderlich. Vielleicht ist es sogar ganz gesund für meinen Hang, alles sofort, perfekt und am besten gestern fertig haben zu wollen.

Ein Kind fragt schließlich selten nach To-do-Listen, bevor es das Leben einmal quer durch den Raum wirft.

Ich kann meine Selbstständigkeit also nicht losgelöst von meinem Mamasein denken.

Zum Glück.

Denn vielleicht verhindert genau das, dass ich am Ende zwar alles aufgebaut habe, aber unterwegs vergesse, warum überhaupt.

Immer auch Vorbild

Und vielleicht geht es auch gar nicht nur darum, mein Kind mitzudenken.

Vielleicht geht es auch darum, was es sieht.

Nicht im großen, pathetischen „Ich präge jetzt ein junges Leben“-Sinne. Das klingt zu sehr nach Elternratgeber. Eher nebenbei. Zwischen Brotdose, Akkuschrauber, müden Augen und der Frage, ob irgendwo noch ein halbwegs sauberer Pullover zu finden wäre.

Mein Kind sieht, dass ich etwas aufbaue.

Dass ich Ideen ernst nehme. Dass ich Dinge ausprobiere. Dass ich Angst habe und trotzdem weitermache. Dass Arbeit nicht nur etwas sein muss, das wir aushalten, sondern auch etwas sein kann, das wir selbst gestalten.

Und genau deshalb möchte ich nicht, dass es dabei nur sieht, wie ich funktioniere.

Ich möchte nicht vorleben, dass Träume nur dann zählen, wenn wir uns selbst bis zur Unkenntlichkeit dafür verplanen.

Ich möchte zeigen, dass wir etwas wollen dürfen. Sehr sogar. Dass wir ehrgeizig sein dürfen, kreativ, unbequem, mutig und manchmal vollkommen übermotiviert im Baumarkt stehen dürfen.

Aber dass wir dabei nicht alles opfern müssen, was uns wichtig ist.

Vielleicht wird mein Weg dadurch langsamer. Vielleicht komplizierter. Vielleicht weniger beeindruckend für Menschen, die Erfolg gerne in Tempo messen.

Aber mein Kind soll später nicht denken: Mama hat sich etwas aufgebaut und war dabei kaum noch da.

Sondern vielleicht eher: Mama hat sich etwas aufgebaut. Und ich kam darin vor.

Nicht als Hindernis.

Sondern als Teil davon.

💬 Und du?

Kennst du dieses Gefühl, bei allem, was du planst, immer noch jemanden mitzudenken? Nicht, weil du musst — oder zumindest nicht nur deshalb — sondern weil dein Leben eben nicht aus sauber getrennten Bereichen besteht?

Vielleicht ist es bei dir auch ein Kind. Vielleicht ein Mensch, für den du Verantwortung trägst. Vielleicht eine Lebensrealität, die bei jeder Entscheidung eine Rolle spielt, ohne dass sie extra im Kalender stehen muss.

Und vielleicht ist genau das gar nicht das Gegenteil von Freiheit.

Vielleicht ist es nur die realistischere Version davon.

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Zu schön um wahr zu sein?