Ist das Kunst oder kann das weg?
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„Ist das Kunst oder kann das weg?“ ist einer dieser Sätze, die so harmlos klingen, als wären sie einfach nur ein lockerer Spruch. In Wahrheit steckt darin aber eine erstaunlich große Gemeinheit. Denn zwischen den Zeilen lauert immer dieselbe Frage: Hat das hier einen Wert oder ist es nur hübsch verpackter Unsinn?
Ich denke im Moment ziemlich viel darüber nach. Nicht nur theoretisch, sondern mit Kleber an den Fingern, Stoffresten auf dem Tisch und unendlich vielen Ideen im Kopf. Ich bin gerade sehr gestalterisch unterwegs. Ich entwerfe, probiere aus, verwerfe, ändere, beginne von vorn und sitze teilweise stundenlang an Dingen, die am Ende vielleicht kein Mensch außer mir selbst wirklich versteht. Und während ich da so vor mich hin erschaffe, komme ich mir manchmal tatsächlich ein bisschen vor wie eine Künstlerin.
Was auf eine Weise schön ist. Und auf eine andere Weise maximal beunruhigend.
Denn sobald ich mir erlaube, etwas als Kunst zu empfinden, taucht fast automatisch die nächste unangenehme Frage auf: Was ist, wenn niemand sonst das so sieht?
Falsche Schlussfolgerung
Vielleicht ist das überhaupt der verletzlichste Teil am Gestalten. Nicht das Machen selbst, sondern das Zeigen. Solange etwas nur in meinem stillen Kämmerlein existiert, ist es sicher. Dort darf es schräg sein, zu verspielt, zu still, zu viel, zu wenig, zu unpraktisch, zu seltsam oder einfach nur sehr speziell. Dort muss es sich vor niemandem rechtfertigen. Es darf einfach sein.
Sobald ich es aber in die Welt bringe, ändert sich die Lage. Dann wird aus einer Idee plötzlich etwas, das angeschaut, eingeordnet und im Zweifel auch beurteilt wird. Schön oder nicht schön. Besonders oder unnötig. Kreativ oder irgendwie komisch. Kunst oder eben doch eher: kann weg.
Und ich glaube, genau an diesem Punkt verwechseln viele von uns Bewertung mit Wahrheit. Ich habe das jedenfalls sehr lange getan. Ich dachte oft: Wenn anderen nicht gefällt, was ich mache, dann liegt das Problem wahrscheinlich bei mir. Dann bin ich wohl doch nicht so talentiert, nicht so besonders, nicht so begabt, wie ich es gern wäre. Dann war die Idee vielleicht einfach nicht gut. Oder ich nicht.
Das Problem daran ist nur: Diese Schlussfolgerung klingt logisch, ist aber kompletter Unsinn. Nur weil jemand etwas nicht mag, wird es nicht automatisch schlecht. Es bedeutet zunächst einmal nur, dass es diesem einen Menschen nicht gefällt. Mehr nicht. Aber mein innerer Kritiker ist in solchen Momenten leider selten an nüchterner Auswertung interessiert. Der nimmt ein hochgezogene Augenbraue direkt als künstlerische Todesanzeige.
Geschmacksfrage
Dabei ist schon die Frage, wer überhaupt entscheidet, was Kunst ist, erstaunlich wackelig. Gibt es dafür irgendwo ein offizielles Gremium? Einen geheimen Keller voller Menschen in schwarzen Rollkragenpullovern, die feierlich abstimmen, ob etwas jetzt Kunst sein darf oder leider doch nur Bastelkram geblieben ist? Vermutlich nicht. Und trotzdem verhalten wir uns oft so, als gäbe es genau das.
Wir tun gern so, als hätte Kunst einen objektiven Wert, den wir erkennen können müssen, wenn wir nur genug Ahnung haben. Aber vieles von dem, was Menschen bewegt, berührt oder begeistert, lässt sich überhaupt nicht sauber messen. Das eine rührt jemanden zu Tränen, das andere lässt ihn komplett kalt. Der eine sieht Tiefe, der nächste nur Farbe. Die eine erkennt Liebe zum Detail, der andere fragt sich, warum ich dafür so lange gebraucht habe.
Geschmack ist keine wissenschaftliche Konstante. Er ist persönlich geprägt, launisch und manchmal auch einfach miserabel. Nicht jeder muss mögen, was ich mache. So wie ich auch nicht alles mögen muss, was andere schaffen. Das ist kein Urteil über den Wert des Werks und schon gar keins über den Wert des Menschen, der es gemacht hat.
Diese Erkenntnis ist mir in den letzten Tagen ziemlich klar geworden. Ich habe die ganze Woche an einem funktionellen Kunstwerk gearbeitet, einfach nur für mich. Nicht, weil der Markt darauf gewartet hätte. Nicht, weil ich damit irgendwen beeindrucken wollte. Sondern weil ich eine Idee hatte und sehen wollte, wie sie aussieht, wenn sie nicht länger nur in meinem Kopf wohnt. Und während ich daran saß, wurde mir plötzlich bewusst, wie friedlich Gestalten sein kann, wenn ich mir nicht ständig die Frage stelle, wem das Ende eigentlich gefällt.
Und jetzt?
Vielleicht ist genau das der Punkt: Nicht alles, was ich erschaffe, muss allen gefallen. Eigentlich muss es nicht einmal vielen gefallen. Es muss auch nicht beweisen, dass ich es „draufhabe“. Es darf zuerst einmal einfach nur Ausdruck sein. Von einer Idee. Einer Stimmung. Einer Handschrift. Einer Person, die Lust hatte, etwas in die Welt zu bringen, das es vorher noch nicht gab.
Und wenn es jemandem nicht gefällt? Dann sagt das nicht, dass ich unfähig bin. Es sagt in den meisten Fällen nur, dass dieser Mensch einen anderen Geschmack hat. Nicht mehr und nicht weniger. Das ist kein vernichtendes Urteil. Das ist nur normale menschliche Verschiedenheit in hübscher Verpackung.
Weil ich sowieso niemals etwas erschaffen werde, das allen gefällt, erscheint es mir inzwischen als die deutlich vernünftigere Strategie, einfach das zu machen, was mir selbst gefällt. Nicht aus Trotz. Nicht aus Größenwahn. Sondern aus mathematischer Klugheit. Denn so kann ich immerhin sicherstellen, dass es auf dieser Welt wenigstens eine Person gibt, die meine Kunst mag.
Ob das reicht, um davon leben zu können, ist nochmal eine andere Frage. Wenn wirklich niemand mögen würde, was ich mache, müsste ich mir vermutlich irgendwann eingestehen, dass es sich eher schlecht verkauft als gut. Aber selbst das wäre kein Beweis dafür, dass ich es nicht kann. Es wäre nur ein Beweis dafür, dass mein Geschmack kein Massenprodukt ist.
Und ganz ehrlich: Bevor ich etwas mache, das sich gut verkauft, mir selbst aber nichts bedeutet, gehe ich lieber zurück ins Büro, verkümmere dort jeden Tag innerlich stundenlang vor mich hin, kann aber wenigstens meine Rechnungen bezahlen und mache nachts weiter Kunst aus allem, was dann noch von mir übrig ist.
💬 Und du?
Wie oft hast du fehlenden Beifall schon mit fehlendem Können verwechselt?