Zu schön um wahr zu sein?

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Es läuft gerade richtig gut.

Diesen Satz schreibe ich äußerst vorsichtig. Nicht, weil er nicht stimmt. Sondern weil ich irgendwo in mir ein kleines Kontrollzentrum habe, das einen sehr misstrauischen Mitarbeiter beschäftigt, der bei solchen Aussagen sofort die Notfallmappe aus dem Regal zieht.

Denn es läuft gerade wirklich gut.

Der Raum, den ich angemietet habe, verwandelt sich Stück für Stück in mein Atelier. Noch ist nicht alles fertig. Es gibt immer noch Ecken, die sehr deutlich „Baustelle“ schreien, während ich daneben stehe und krampfhaft versuche, „kreativer Arbeitsbereich“ zu verstehen. Aber trotzdem entsteht dort etwas, das sich so richtig anfühlt, dass ich manchmal selbst nicht ganz hinterherkomme.

Als ich den Raum angemietet habe, habe ich mir oft vorgestellt, wie es sein würde, dort zu arbeiten. Ich habe ein durchaus brauchbares Vorstellungsvermögen. Die Sorte, die aus drei losen Gedanken direkt ein inneres Bühnenbild mit Beleuchtung, Requisiten und dramatischer Nebenhandlung baut.

Aber selbst in meiner Vorstellung war es nicht halb so schön wie es tatsächlich ist.

Wenn Arbeit sich nicht wie Arbeit anfühlt

Das Problem ist nur: Mein Nervensystem hat ein ziemlich klares Archiv zum Thema Arbeit angelegt.

In diesem Archiv riecht Arbeit nicht nach Holz, Stoff, Farbe und Ideen. Und sie beginnt schon gar nicht mit dieser riesigen Vorfreude, wenn morgens die Ateliertür aufgeht. Arbeit riecht eher nach Erschöpfung. Nach diesem Zustand, in dem ich nach Hause komme und nicht mehr weiß, ob ich zuerst die Schuhe ausziehen, mich auf den Boden legen oder einfach reglos in Richtung Wand starren sollte.

Arbeit war für mich lange verbunden mit dem Gefühl, völlig ausgelaugt zu sein. Mit dem Gedanken, dass ich eigentlich keinen Schritt mehr gehen möchte. Mit der sehr ernst gemeinten Frage, wie ich jetzt noch einigermaßen zivilisiert durch den restlichen Tag kommen soll, ohne mich in eine Zimmerpflanze zu verwandeln.

Arbeit war: abends ins Bett gehen und hoffen, dass bald Wochenende ist. Oder Urlaub. Oder Rente. Irgendwas mit horizontaler Existenz und möglichst wenig Anforderungen.

Und genau das hat sich offenbar tief eingebrannt.

Mein Nervensystem hat den Begriff „arbeiten“ genommen, ihn mit Müdigkeit, Anspannung und innerem Akku auf drei Prozent beschriftet und ordentlich abgeheftet. Sehr gewissenhaft. Leider nicht besonders flexibel.

Und jetzt stehe ich morgens auf, fahre ins Atelier, schließe die Tür auf, säge, bohre, räume, plane, nähe, baue, tüftele, verliere mich in Ideen und komme danach nach Hause — nicht leer, sondern lebendig.

Das ist schön.

Und offenbar auch maximal verwirrend.

Habe ich überhaupt gearbeitet, wenn ich danach noch Energie habe?

In den Momenten im Atelier stellt sich diese Frage gar nicht.

Dort gelten die normalen Regeln der Zeit sowieso nur eingeschränkt. Ich fange irgendwo an, und plötzlich sind Stunden vergangen. Ich mache etwas mit den Händen, sehe direkt, dass sich etwas verändert, und mein Kopf wird gleichzeitig leerer und voller.

Da ist kein inneres Protokoll, das alle fünf Minuten fragt, ob das jetzt produktiv genug war. Da bin ich einfach drin.

Aber später kommt dann dieser andere Gedanke.

War das wirklich Arbeit?

Oder war das einfach nur schöne Zeit?

Und wenn es schöne Zeit war, zählt es dann überhaupt?

Das ist natürlich absurd. Ich weiß das. Theoretisch. Mit dem Teil meines Gehirns, der Rechnungen bezahlen, Konzepte schreiben und Steckdosenleisten sinnvoll platzieren kann.

Natürlich ist es Arbeit, wenn ich mein Atelier aufbaue. Natürlich ist es Arbeit, wenn ich plane, organisiere, Möbel umbaue, Entscheidungen treffe, Produkte vorbereite, meine Selbstständigkeit auf tragende Beine stelle und nebenbei versuche, nicht unter einem Stapel Materialkisten als moderne Installationskunst zu enden.

Aber irgendein alter Teil in mir glaubt noch immer: Arbeit muss sich schwer anfühlen, sonst war es keine.

Als wäre Erschöpfung ein Leistungsnachweis.

Als müsste ich abends erst aussehen wie ein ausgewrungener Waschlappen, damit der Tag offiziell gültig ist.

Und genau da liegt der Denkfehler.

Vielleicht fühlt sich diese neue Arbeit nicht falsch an, nur weil sie mich nicht zerstört.

Vielleicht fühlt sie sich einfach gesund an.

Unverschämtes Konzept, ich weiß.

Zu schön, um wahr zu sein

Und dann ist da noch das andere Gefühl.

Dieses leise Misstrauen, wenn etwas einfach gut läuft.

Denn das ist bei mir gerade der Fall. Es läuft. Das Atelier. Die Entwicklung. Das Gefühl, einen eigenen Raum zu haben. Die Möglichkeit, dort nicht nur zu träumen, sondern wirklich etwas aufzubauen. Mit Werkzeug, Staub und Chaos.

Es ist nicht perfekt im Sinne von fertig. Aber es ist perfekt im Sinne von richtig.

Und genau das macht mir Angst.

Weil es sich anfühlt, als könnte ich jeden Moment aufwachen.

Als wäre ich in einem besonders schönen Traum gelandet, in dem ich morgens ins Atelier fahre, dort Dinge erschaffe, später mit Energie nach Hause komme und mich auf den nächsten Tag freue.

Und irgendwo in mir sitzt jemand mit strengem Blick und sagt: Das kann doch nicht einfach so stimmen.

Zu schön, um wahr zu sein.

Als hätte das Leben eine AGB-Klausel, in der steht, dass Freude nur vorübergehend und unter Vorbehalt ausgegeben wird.

Vielleicht ist dieses Misstrauen auch nur ein alter Schutzmechanismus. Wenn ich mich nicht zu sehr freue, kann ich nicht so tief fallen. Wenn ich innerlich schon mit dem Aufwachen rechne, trifft es mich vielleicht weniger, falls es passiert.

Nur leider nimmt mir diese Vorsicht genau das, was gerade da ist.

Sie legt einen dünnen Film über die Freude. So einen unsichtbaren „Freu dich ruhig, aber nicht zu laut“-Filter.

Und vielleicht möchte ich den langsam abziehen.

Nicht, weil ab jetzt alles immer leicht wird. Das wird es nicht. Natürlich wird es Rückschläge geben. Dinge werden nicht funktionieren. Pläne werden sich als ambitionierte Fantasiekonstrukte mit dekorativer Excel-Tabelle entpuppen. Ich werde zweifeln, fluchen, umräumen und immer wieder neu anfangen.

Aber trotzdem darf es gerade gut sein.

Nicht, weil das jetzt für immer so bleibt.

Sondern einfach, weil es gerade wahr ist.

Vielleicht ist es nicht zu schön, um wahr zu sein.

Vielleicht ist es nur zu neu, um sich schon vertraut anzufühlen.

💬 Und du?

Kennst du dieses Gefühl, dass etwas eigentlich gut ist, aber ein Teil von dir trotzdem misstrauisch danebensteht und fragt, wo der Haken ist?

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Tada