Neun von zehn.
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„Übung macht den Meister.“ Sagen wir oft. Als wäre „Übung“ ein freundliches Hobby und „Meister“ ein Ziel, das wir nach ein paar motivierten Wochen automatisch erreichen.
Bei mir ist es eher so: Von zehn Dingen, die ich ausprobiere, gehen mindestens neun schief. Nicht so „ups, kleiner Kratzer“-schief, sondern „ich habe gerade zugesehen, wie sich mein Plan in Luft auflöst“-schief. Und im Moment ist wieder so eine Phase, in der deutlich mehr schiefgeht als klappt. Ich drücke auf Start und bekomme als Antwort: Fehler. Bitte später nochmal versuchen. Oder nie.
Natürlich gibt es Tage, da möchte ich einfach das Handtuch werfen. Oder mich in ein Paralleluniversum katapultieren: Eins, in dem Dinge funktionieren, einfach nur weil ich mir so viel Mühe gebe. In dem ich nicht jedes zweite Projekt als Erfahrungswert verbuche. In dem ich nicht ständig das Gefühl habe, ich sei die Person, die die Anleitung falsch gelesen hat.
Und trotzdem gebe ich nicht auf. Nicht, weil ich heldenhaft bin. Sondern weil Aufgeben sich zwar kurz wie Ruhe anfühlt, aber auf Dauer wie Stillstand schmeckt. Und weil ich gelernt habe: Es ist nicht die Frage, ob etwas schiefgeht. Es ist nur die Frage, wie oft ich bereit bin, wieder aufzustehen, während mein Nervensystem noch leise “aua” wimmert.
Der Erfolg, der überall wohnt
Ein Teil des Problems ist die Kulisse. Nicht das echte Leben – das mit Chaos, Müdigkeit und der ständigen Frage, warum ich hier eigentlich stehe und ins Leere starre. Sondern die Hochglanz-Version, in der alles immer kurz davor ist, viral zu gehen.
Die sozialen Netzwerke sind eine Dauer-Ausstellung gelungener Momente. Launches, Meilensteine, „Ich hätte nie gedacht, dass…“, und irgendwo dazwischen ein perfekt platzierter Kaffee, als hätte Erfolg immer Zeit für Latte Art. Freunde und Bekannte erzählen, was richtig gut läuft – und natürlich tun sie das. Wir teilen lieber Rückenwind als Gegenwind. Niemand eröffnet ein Gespräch mit: „Schön, euch zu sehen. Ich bin heute wieder grandios gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.“
Und wenn wir dann fertige Ergebnisse sehen, sehen wir das Ende, nicht den Weg. Wir sehen den schönen Moment, nicht die hässlichen Zwischenschritte. Als wäre alles linear gewesen. Als hätte niemand unterwegs neu gedacht, verworfen, geweint, geflucht, nochmal angefangen. Wir stehen vor dem fertigen Regal und vergessen, dass vorher die Schraube fehlte, die Wasserwaage gelogen hat und die Wand sehr wahrscheinlich in irgendeiner geheimen Allianz gegen die Menschenheit steckt.
Wenn Erfolg überall auftaucht, fühlt er sich irgendwann wie der Standard an. Wie die Grundeinstellung des Lebens. Und dann wirkt jeder Fehlversuch, den ich selbst erlebe, wie eine Abweichung – als hätte ich die Regeln nicht verstanden. Dabei ist nicht mein Prozess kaputt, sondern mein Vergleich verzerrt: Ich messe meine unfertige Mitte an den fertigen Enden von anderen. Und bei dieser Rechnung kann ich nur verlieren.
Niemand zeigt die Fehlversuche
Was ich gerade wieder merke: Scheitern ist selten der eine große Moment. Es ist eine Serie. Dieses ewige Dazwischen, in dem ich ständig irgendwas auseinander- und wieder zusammenbaue. Und von all diesen Zwischenschritten erzählt kaum jemand: Die Idee, die beim Denken brillant war und beim Machen plötzlich Ecken hatte. Der Plan, der logisch klang, bis der Alltag ihn einmal schief angeguckt hat. Der Versuch, der „eigentlich“ funktionieren müsste – und dann klappt er nicht, und ich sitze da mit einem Ergebnis, das so gar nicht nach Pinterest aussieht.
Das Anstrengende ist nicht nur, dass etwas nicht klappt. Es ist dieses ständige Neu-Entscheiden. Dieses schnelle Umschalten im Kopf: „Okay, so nicht – wie dann?“ Ich repariere dann nicht nur das Projekt, sondern auch mich selbst: den Mut, die Geduld, den Glauben an die eigene Kompetenz.
Weil Scheitern nicht nur ein Fehler im Prozess ist - es macht etwas mit mir. Es kratzt an der Vorstellung, dass ich kompetent bin. Dass ich weiß, was ich tue. Dass ich mit genug Einsatz die Dinge im Griff habe. Weil das Leben einfach daherkommt und sagt: „Süß. Aber nein.“
Ich kann mir dann sehr leicht erzählen, ich sei unbegabt, unfähig oder „halt nicht dafür gemacht“. Dabei ist die Wahrheit oft viel unspektakulärer: Ich bin einfach mitten drin. In der Version des Weges, die keiner fotografiert. In dem Teil, den wir selten sehen. In dem Teil, aus dem später das „Ta-daa“ aber überhaupt erst entstehen kann.
Trotzdem: Weitermachen
Ich gebe nicht auf, auch wenn ich es manchmal wirklich gerne würde. Ich mache weiter und gehe den nächsten kleinen Schritt, auch wenn er nicht elegant ist.
An manchen Tagen ist Weitermachen nur: Ich schaue mir den Scherbenhaufen an, atme einmal tief durch und entscheide, dass ich ihn nicht mit mir verwechseln werde. Dass ein misslungener Versuch nicht bedeutet, dass ich misslungen bin. Dass „neun gehen schief“ nicht heißt, dass ich falsch bin – sondern dass ich jemand bin, der überhaupt zehn Dinge ausprobiert. Und das ist, ehrlich gesagt, schon ziemlich viel.
Vielleicht ist das die heimliche Wahrheit hinter all den fertigen Ergebnissen: Nicht, dass sie mühelos entstanden sind. Sondern dass jemand drangeblieben ist, während es peinlich, frustrierend, teuer, langsam oder einfach nur nervig war. Dass jemand das Handtuch zwar sehr oft in der Hand hatte, aber es dann doch wieder aufgehängt hat – aus Trotz, aus Hoffnung, aus Liebe zur Sache, aus einem „Ich will da hin, auch wenn ich heute noch nicht weiß, wie.“
Neun von zehn Dingen, die ich ausprobiere, gehen schief. Aber das ist keine Niederlage. Das ist der Preis fürs Ausprobieren. Und ja, Scheitern tut weh – vor allem, weil ich dabei jedes Mal nicht nur ein Projekt neu sortiere, sondern mich selbst gleich mit. Das Handtuch liegt dabei immer griffbereit. Aber ich werf’s nicht – ich wisch mir kurz die Stirn damit ab und mach weiter. Nächster Versuch. Punkt.
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