Der frühe Vogel kann mich mal.

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„Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Ja. Schön für den Vogel. Ich fange morgens maximal meine Decke wieder ein, weil ich mich im Halbschlaf drin verheddert habe.

Ich habe nämlich schon mein ganzes Leben Schwierigkeiten, aus dem Bett zu kommen – zumindest so lange, wie ich mich zurückerinnern kann. Meine Mama erzählt manchmal, dass ich als Kind morgens um halb sechs komplett angezogen und bereit für den Tag bei ihr am Bett stand und meinte, es sei jetzt Zeit für den Kindergarten. Ich glaube ihr das. Ich erkenne die Geschichte nur nicht wieder. In meiner Erinnerung bin ich morgens vor allem eins: müde. Nicht dieses „ach, ich bin noch ein bisschen schlapp“-müde, sondern so ein „ich kann nicht“-müde. So ein Körper-macht-keinen-Meter-ohne-Verhandlungen-müde.

Und ich habe lange gedacht: Das liegt an mir. Oder zumindest an irgendwas, das ich falsch mache.

Schlaf-Hack Profi

Ich habe so viele Schlaf-Tipps befolgt, dass ich zwischendurch das Gefühl hatte, ich müsste morgens beim Aufstehen eine Checkliste unterschreiben. Kein Kaffee nach 10 Uhr. Nicht zu spät essen. Abends keine Bildschirmzeit. Feste Schlafens- und Aufwachzeiten – auch am Wochenende, weil mein Körper angeblich sonst verwirrt ist (als wäre er nicht schon verwirrt genug, wenn er morgens in dieser Welt aufwachen muss).

Ich habe mich für Tage gefeiert, an denen ich „objektiv genug“ geschlafen habe. Ich bin früh ins Bett. Ich bin nachts nur kurz wach geworden. Ich habe mir Mühe gegeben, so richtig vorbildlich zu schlafen. Und weißt du, was sich verändert hat? Nichts. Ich wache auf und fühle mich, als hätte mich jemand mitten in einem Traum ins Tiefkühlfach gesteckt.

Irgendwann war ich so verzweifelt, dass ich mir diese Pillen im Internet bestellt habe, die man abends vorm Schlafengehen nimmt und die sich über Nacht auflösen, damit sie nach sieben Stunden ihre Wirkung freisetzen. Wirkstoff: Koffein. Das Konzept ist eigentlich brillant: Abendlicher Espresso, der erst morgens kickt. Quasi ein zeitversetzter Arschtritt.

Bei mir hat es nicht funktioniert. Vielleicht liegt das nicht unbedingt an mir, sondern eher daran, dass man Wunderpillen aus dem Internet vielleicht einfach nicht bestellen sollte. Wobei es ja dann vielleicht doch an mir liegt, ich habe sie ja immerhin bestellt…

Aha-Moment

Vor ein paar Tagen wurde ich morgens geweckt, obwohl ich eigentlich noch schlafen wollte. Und während ich so dalag – noch im Bett, noch nicht gestartet, noch nicht offiziell am Leben teilnehmend – ist mir etwas aufgefallen, das so simpel ist, dass es fast unverschämt ist: Wenn ich morgens wach werde und noch im Bett liege, kann ich etwas, was ich sonst kaum darf.

Ich darf einfach sein.

Ich muss nichts tun. Ich muss nicht funktionieren. Ich brauche keinen Plan. Ich muss keine Entscheidungen treffen, keine Prioritäten setzen, nichts beantworten, nichts vorbereiten, niemanden motivieren – nicht mal mich. Ich bin einfach da, und das reicht.

Aber dann: Füße auf den Boden. Und zack – Systemstart. Pflichtprogramm. Kinder wecken. Tiere füttern. Brotboxen machen. Mich selbst irgendwie gesellschaftsfähig kriegen. Wäsche. Arbeit. Einkauf. Aufräumen. Putzen. Organisieren. Erledigen. Dinge denken, die ich noch nicht gedacht habe, und Dinge erinnern, die ich am liebsten vergessen würde. Und das alles bitte ohne Pause und ohne mich zu beklagen.

Es ist nicht nur Müdigkeit, die mich im Bett festhält. Es ist dieses Bewusstsein, dass mit dem ersten Schritt aus dem Bett nicht nur der Tag beginnt, sondern der ganze Betrieb. Das Funktionieren. Die Verantwortung.

Und jetzt?

Ich habe so lange geglaubt, mein Problem sei Schlaf. Dabei ist mein Problem vielleicht eher: der Übergang. Dieses Gefühl, dass ich im Bett noch kurz in einer Welt leben darf, in der ich nicht dauernd „gut genug“ sein muss. Nicht schnell genug, nicht organisiert genug, nicht produktiv genug. Im Bett muss ich nichts beweisen. Ich muss nichts „auf die Reihe kriegen“. Ich darf kurz existieren, ohne Anspruch, ohne Bewertung.

Und abends, wenn ich wieder im Bett liege, endet das Funktionieren ja nicht. Dann läuft das Tages-Review an. Diese innere Produktivitäts-App, die ungefragt eine Zusammenfassung erstellt: Was habe ich nicht geschafft? Was muss ich morgen extra machen? Und wie kriege ich verdammt nochmal endlich mein Leben auf die Reihe? Selbst Ruhe wird bei mir manchmal zur Aufgabe, die ich schlecht erledige.

Vielleicht ist dieses morgendliche Festkleben also kein Zeichen von Defekt, sondern ein Zeichen von Widerstand. Ein leiser Versuch, mir noch ein paar Minuten zu sichern, in denen niemand etwas von mir will – nicht mal ich selbst. Ein letzter, kleiner Moment, in dem ich nicht funktioniere, sondern einfach nur bin.

Und vielleicht ist das gar nicht das schlechteste Bedürfnis, das ich haben kann. Vielleicht ist es nur eins, das im Alltag zu selten Platz bekommt.

💬 Und du?

Bist du morgens sofort „an“, oder brauchst du erst ein paar Minuten Existenz im Bett, bevor du wieder Mensch spielen kannst – und was ist das Erste, das dich dann aus diesem kurzen „Ich darf einfach sein“ rauskickt?

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Neun von zehn.