Nein to five.

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Es gibt Tage, da wünschte ich, ich wäre jemand anders.

Jemand, der morgens aufsteht und denkt: Na klar. 9–5. Mach ich. Passt schon.
Jemand, der Karriere wie eine Treppe sieht und nicht wie eine endlose Baustelle mit „Betreten auf eigene Gefahr“. Jemand, der sich für Titel begeistern kann, für „nächster Schritt“, für „langfristige Perspektive“, für dieses ganze berufliche Sammelkartenspiel, bei dem man irgendwann ein glänzendes „Dr.“ auspackt und alle ehrfürchtig nicken.

Heute ist so ein Tag.

Heute wäre ich gern jemand, der die Karriereleiter einfach an die Wand stellt, hochklettert, fertig. Ohne inneres Stirnrunzeln. Ohne dieses Gefühl von: Warum fühlt sich das gerade an, als würde ich mich für ein Leben bewerben, das ich gar nicht will?
Bei mir ist es eher so: Ich stelle die Leiter hin – und schon beim ersten Schritt merke ich: falsche Wand. Nicht „ein bisschen schief“. Nicht „muss man sich halt dran gewöhnen“. Sondern falsch, wie ein Schlüssel, der ins Schloss passt, aber sich trotzdem nicht drehen lässt.

Alles eine Frage des Erfolgs

Das Problem ist nicht, dass ich Erfolg grundsätzlich doof finde, ganz im Gegenteil. Das Problem ist, dass Erfolg oft wie eine sehr konkrete Vorlage daherkommt. Mit festen Feldern zum Abhaken. Titel. Hierarchie. Status. Messbare Schritte. Mehr Verantwortung. Mehr Gehalt. Mehr Prestige.

Wenn ich ehrlich bin, kann ich das alles sogar nachvollziehen. Wirklich. Ich verstehe, warum Menschen das wollen. Ich sehe die Logik. Ich sehe die Anerkennung, die Sicherheit, das „Ich habe es geschafft“-Gefühl.

Nur: In mir drin kommt dazu kein Echo.
Da ist kein Ziehen. Kein Ja, das bin ich. Da ist eher ein sachliches „okay“ – und dann dieses leise, unpraktische, störrische Gefühl: Das ist nicht mein Maßstab.

Mein Erfolg ist anders gestrickt. Der lässt sich nicht so gut als Statussymbol tragen, weil er nichts hat, das man sich ans Revers pinnt. Er hat keine Abkürzung, keinen Titel, keinen „Wow“-Moment für Fremde. Er sieht eher aus wie: Ich erschaffe etwas, das mir wirklich gefällt – nicht etwas, das nur „strategisch klug“ ist. Ich bin abends noch geduldig mit meinem Kind, weil ich mich tagsüber nicht komplett leergearbeitet habe in diesem verzweifelten Versuch, „einen richtig guten Job zu machen“ nach fremden Regeln. Ich kann morgens einen Spaziergang machen, bevor ich anfange zu arbeiten, weil mein Tag nicht schon um 8:03 Uhr von Terminen gefressen wird. Ich entscheide, was ich mache und wann – und nicht irgendein System aus Erwartung, Kalender und „so läuft das halt“.

Mein Erfolg ist auch, dass mein Leben mir nicht davonrennt, während ich krampfhaft versuche, Arbeit, Familie, Sport und sowas wie Erfüllung in ein einziges Zeitfenster zu pressen. Dass ich nicht ständig diesen Satz im Mund habe: „Dafür hab ich keine Zeit.“ Nicht, weil ich plötzlich 48 Stunden pro Tag gefunden hätte, sondern weil ich mein Leben so baue, dass Zeit nicht nur die Lücke zwischen zwei Verpflichtungen ist.

Und genau deshalb ist so ein Tag wie heute so gemein: Heute hätte ich gern den einfachen Erfolg. Den, den alle sofort erkennen. Den, der nicht erklärt werden muss. Den, bei dem keiner fragt, ob das „wirklich reicht“.

Schwer kompatibel

Ich zu sein ist manchmal wirklich anstrengend. Weil ich mir das nicht einfach nur aussuche wie eine Geschmacksrichtung. Ich wache ja nicht morgens auf und entscheide: „Heute wäre ich gern schwer kompatibel.“

Ich bin so, dass mein Kopf ständig mitläuft. Dass er prüft, ob etwas wirklich meins ist, oder nur gut aussieht, wenn man es erzählt. Dass er nicht zufrieden ist mit „macht man halt so“. Dass er bei manchen Zielen sofort die Gegenfrage stellt: Und wenn du’s dann hast – was genau ist dann besser?
Das klingt in guten Momenten nach Klarheit. In schlechten Momenten klingt es nach „kompliziert“.

Und dann passiert dieses fiese Ding: Ich vergleiche mich nicht nur – ich werte.
Heute, an so einem Tag, fühlt sich das nicht nach „ich bin anders“ an, sondern nach „ich bin falsch“. Als wäre ich eine Version Mensch, die nicht richtig in diese Welt passt – und das ist ein überraschend einsames Gefühl, selbst wenn man mitten unter Leuten sitzt.

Und jetzt?

Der Punkt, an dem ich immer wieder lande, egal wie oft ich den Umweg gehe, ist: Ich kann mich nicht dauerhaft in eine Norm reinpressen, die ich tief in mir drin komplett ablehne. Ich kann es versuchen. Ich kann mich anpassen, mich motivieren, mich zusammenreißen, mir Ziele suchen, die „vernünftig“ wirken. Ich kann die Leiter immer wieder neu ansetzen, in der Hoffnung, dass sich die Wand irgendwann doch richtig anfühlt, wenn ich nur hart genug klettere.

Das ist die eine Art von Anstrengung. Sie frisst Energie, weil ich ständig gegen mich selbst kämpfe.

Oder ich kann aufhören, so zu tun, als wäre meine Form ein Fehler. Ich kann akzeptieren, dass ich nicht in diese Schablone passe. Dass mein Erfolg anders aussieht. Dass ich nicht falsch bin, nur weil ich nicht genormt bin.

Und ja: Das ist auch anstrengend.
Weil Akzeptanz nicht bedeutet „alles easy“. Akzeptanz bedeutet manchmal: aushalten, dass ich nicht in jedem Raum sofort verstanden werde. Dass ich nicht automatisch Applaus bekomme. Dass ich mir den eigenen Maßstab selber bauen muss, statt ihn fertig geliefert zu bekommen.

An schlechten Tagen erschöpft beides.
Aber an guten Tagen macht nur eins wirklich glücklich: das Leben, in dem ich nicht gegen mich arbeite.

Ich wäre manchmal gern jemand, der einfacher funktioniert. Aber ich bin es nicht. Und wenn ich schon die Wahl habe, wofür ich mich anstrenge, dann lieber für ein Leben, das mich nicht nur nach außen richtig aussehen lässt – sondern sich innen auch richtig anfühlt.

💬 Und du?

Kennst du dieses Gefühl, dass du „normal“ zwar spielen kannst – aber es dich jedes Mal mehr kostet, als es dir gibt?

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Der frühe Vogel kann mich mal.