Tada
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Ich weiß nicht, wer irgendwann beschlossen hat, dass wir unser Leben am besten mit einer To-do-Liste organisieren, aber ich vermute, diese Person hatte entweder sehr viel Freizeit oder ein beunruhigend entspanntes Verhältnis zu Kästchen.
To-do-Listen klingen immer so vernünftig. So erwachsen. So nach „Ich habe mein Leben im Griff und außerdem einen Stift, der nicht irgendwo zwischen Sofakissen und Einkaufszetteln verschwunden ist.“
In der Theorie sind sie großartig. Ich schreibe alles auf, was erledigt werden muss, arbeite Punkt für Punkt ab und fühle mich am Ende des Tages wie eine Mischung aus Projektmanagerin und sehr kleiner Verwaltungsbehörde.
In der Praxis sieht es bei mir eher so aus: Ich schreibe eine Liste. Die Liste wächst. Ich erledige drei Dinge. Währenddessen fallen mir sieben neue ein. Am Abend steht mehr auf der Liste als morgens.
Das ist keine Organisation. Das ist ein hydraartiges Verwaltungstier mit Kugelschreiber.
Die Liste gewinnt immer
Das Problem an To-do-Listen ist nicht, dass sie falsch sind. Sie sind nur manchmal gnadenlos.
Sie zeigen mir nicht, was ich geschafft habe. Sie zeigen mir, was noch fehlt. Und zwar mit der nüchternen Sachlichkeit eines schlecht gelaunten Finanzamtsbriefs.
Egal, wie viel ich tue, die Liste bleibt unbeeindruckt.
Ich kann morgens Wäsche waschen, Mails beantworten, einkaufen, Rechnungen sortieren, ein Regal abschleifen, drei Entscheidungen treffen, von denen mindestens zwei mental die Größe eines Kleinwagens hatten, und zwischendurch noch herausfinden, warum irgendein Gerät blinkt, obwohl es gestern noch nicht geblinkt hat.
Und trotzdem steht da am Ende: Steuerkram. Website. Material bestellen. Atelier aufräumen. Blogbeitrag schreiben.
Vielen Dank auch.
So eine To-do-Liste ist im Grunde ein schriftlich fixierter Vorwurf. Hübsch untereinander angeordnet.
Tada statt To-do
Deshalb habe ich jetzt beschlossen, das Ganze umzudrehen.
Statt morgens aufzuschreiben, was alles noch getan werden muss, schreibe ich im Laufe des Tages auf, was ich tatsächlich getan habe.
Nicht To-do.
Sondern Tada.
Und ja, das klingt erst mal ein bisschen nach Kindergeburtstag mit Glitzerhut. Aber ehrlich gesagt: Vielleicht braucht mein Alltag gerade genau das. Einen kleinen Glitzerhut. Oder wenigstens eine Liste, die nicht den ganzen Tag mit verschränkten Armen neben mir steht und fragt, ob ich „das mit der Buchhaltung“ eigentlich noch machen wollte.
Auf meiner Tada-Liste stehen dann keine perfekten Meilensteine. Da steht nicht: „Unternehmen strategisch weiterentwickelt“ oder „Lebensvision effizient umgesetzt“.
Da steht eher: Paket weggebracht. Holz zugesägt. Zwei Mails beantwortet. Einen Fehler gefunden, bevor er teuer wurde. Nicht ausgerastet, obwohl der Drucker kurz so getan hat, als wäre er ein Kunstprojekt. Mittag gegessen, bevor ich nur noch aus Kaffee und Trotz bestand.
Und plötzlich sehe ich: Da war ja was.
Der Tag war nicht leer. Ich war nicht untätig. Ich bin nicht planlos durch eine Nebelwand aus halbfertigen Aufgaben gestolpert, auch wenn es sich zwischendurch sehr danach angefühlt hat.
Ich habe Dinge getan.
Tada.
Beweisführung
Vielleicht ist das der eigentliche Wert dieser Liste. Sie beweist mir etwas, das ich sonst erstaunlich schnell vergesse.
Dass Fortschritt nicht immer aussieht wie ein großer Haken hinter einer großen Aufgabe. Manchmal sieht Fortschritt aus wie fünf kleine Dinge, die niemand sieht, die aber trotzdem nötig waren.
Manchmal ist Fortschritt auch nur: Ich habe angefangen.
Oder: Ich habe weitergemacht.
Oder: Ich habe heute nicht alles geschafft, aber eben auch nicht nichts.
Und das ist für mein Gehirn offenbar eine wichtige Information. Denn mein Gehirn ist sehr gut darin, abends eine PowerPoint-Präsentation mit dem Titel „Was heute alles nicht passiert ist“ zu starten. Mit Übergängen. Und dramatischer Hintergrundmusik.
Die Tada-Liste ist mein Gegenbeweis.
Nicht als Selbstoptimierungstrick. Nicht als neues System, das mein Leben endlich in eine elegante, farbcodierte Form presst. Sondern eher als kleine Korrektur. Als freundlicher Zeuge im Prozess gegen mich selbst.
„Einspruch, Euer Ehren. Sie hat sehr wohl etwas gemacht.“
Und jetzt?
Natürlich wird dadurch nicht plötzlich alles leichter. Die Aufgaben verschwinden nicht, nur weil ich sie weniger streng ansehe. Steuerkram bleibt Steuerkram. Wäscheberge bleiben Wäscheberge. Und manche Dinge stehen weiterhin so lange herum, dass sie irgendwann fast zum Mobiliar gehören.
Aber ich sehe mich selbst dabei nicht mehr nur durch die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Ich sehe auch das, was schon da ist.
Das Gesägte. Das Geschriebene. Das Getragene. Das Gedachte. Das Ausprobierte. Das Wieder-aufgestanden-Sein nach einem dieser Tage, die morgens schon mit schiefer Frisur und innerem Augenrollen anfangen.
Vielleicht brauche ich gar nicht immer eine Liste, die mir sagt, was noch fehlt.
Vielleicht brauche ich manchmal einfach eine, die kurz applaudiert.
Tada.
💬 Und du?
Hast du heute schon gesehen, was du alles geschafft hast — oder nur das, was noch offen ist? Vielleicht wäre heute ein guter Tag, die Liste einmal umzudrehen. Nicht: Was muss noch? Sondern: Was war schon? Tada.