Meine Tagträume rauben mir den Schlaf.

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Mein Kopf hat gerade ein Lieblingshobby: an meinem Kreativlabel arbeiten.

Tagsüber hört sich das bei mir an wie ein harmloses „Ach, ich überlege da gerade ein bisschen“. In Wahrheit läuft in meinem Kopf Dauerausbau. Da steht längst ein Onlineshop, sauber sortiert, mit Kategorien, die so logisch sind, dass selbst mein innerer Ordnungsfan mir kurz gerührt auf die Schulter klopft. Ich sehe die Startseite vor mir, als wäre sie schon online. Ich formuliere Produkttexte, die genau die richtige Mischung treffen aus warm, klar und „bitte nimm das mit, es ist eine Umarmung aus Stoff“. Ich halte Probeworkshops, in denen alle gleichzeitig begeistert sind und niemand nach zehn Minuten fragt, ob das auch ohne Nähen geht. Ich drehe Videos, die mühelos wirken – diese Art Content, bei der man so tut, als wäre man zufällig gut vorbereitet – obwohl ich eigentlich schon beim Wort „Content“ kurz innerlich den Stecker ziehen möchte.

Das Absurde ist, es sind keine dunklen Gedanken. Es ist nicht dieses klassische Grübeln, das einem die Laune klaut. Es ist eher Kopfkino mit Wohlfühl-Soundtrack. Und trotzdem laugt es mich aus, als hätte ich den ganzen Tag mit schwerem Werkzeug gearbeitet. Nur, dass ich abends nichts in der Hand halte. Kein Produkt. Kein Foto. Kein Upload. Nicht mal Sägespäne.

Mein Bett als Co-Working-Space

Abends liege ich im Bett und mein Körper macht, was Körper dann eben machen: Er will runterfahren. Mein Gehirn dagegen denkt sich: Ah. Ruhig. Dunkel. Endlich Zeit für die große Premiere.

Dann gehe ich alles durch. Nicht einmal. Nicht „kurz“. Sondern so, als müsste ich morgen früh um acht eine Keynote halten: Shopaufbau, Workshopabläufe, Kamerawinkel, Schnitte, diese eine Überschrift, die alles verändern wird. Ich feile an Formulierungen, ich optimiere Übergänge, ich setze in Gedanken eine Produktserie auf, die so stimmig ist, dass sie rein aus Ästhetikgründen in den Warenkorb gehört.

Und wenn ich dann endlich eingeschlafen bin, macht mein Kopf einfach weiter – nur kreativer. Die Tagträume kippen in echte Träume. Im Traum stehe ich vor einer Gruppe Menschen, erkläre etwas, und plötzlich ist alles gleichzeitig genial und chaotisch. Ich wache nachts auf, oft mit diesem Gefühl: „Ich muss mir das merken.“ Als wäre da gerade etwas passiert, das mein Business nach Vorne bringt. Als wäre die Lösung aufgetaucht wie ein seltener Fisch – und wenn ich sie jetzt nicht fange, ist sie weg.

Also bin ich wach. Und dann geht die Denkerei wieder los. Und irgendwann schlafe ich wieder ein. Und morgens wache ich auf und bin gedanklich immer noch in diesem einen Video, das alles verändern wird. Das Video, das so gut wird, dass es sich quasi selbst verbreitet, während ich entspannt Kaffee trinke und so tue, als wäre das alles ganz normal. Spoiler: Es ist nicht normal. Aber mein Gehirn tut so, als wäre es schon passiert.

Künstlicher Erfolg

Das wirklich Hinterhältige daran ist aber, dass diese Gedanken mir Freude machen. Es ist nicht so, als würde ich mich abends mit Weltuntergangsszenarien wachhalten (zumindest nicht aktuell). Ich denke an Dinge, die ich liebe: gestalten, entwickeln, bauen, erschaffen, Menschen etwas zeigen, etwas möglich machen. Das klingt nach guter Energie. Und trotzdem fühle ich mich oft ausgelaugt.

Der Grund ist so einfach wie gemein: Ich mache das alles nur in meinem Kopf.

Mein Gehirn ist wie eine Werkstatt, in der ständig das Licht brennt, aber niemand die Maschine anschaltet. Ich fühle mich kurz, als hätte ich etwas Großes geleistet – weil ich innerlich eine komplette Shopstruktur gebaut habe, eine Workshopreihe konzipiert, eine Contentstrategie entworfen und nebenbei noch ein Brandinggefühl produziert habe, das irgendwo zwischen „ruhig“ und „BÄM“ liegt. Das ist ja auch Arbeit. Nur eben unsichtbare.

Und unsichtbare Arbeit hat einen fiesen Nebeneffekt: Sie lässt sich schlecht beenden. Nichts liegt da, das sagt: „Fertig.“ Es gibt keinen Karton, keine Naht, kein Foto, kein Upload. Es gibt nur ein Gefühl. Und Gefühle sind sehr praktisch darin, sich über Nacht wieder zu verflüchtigen – sodass ich morgens erneut das Bedürfnis habe, es wieder herzustellen. Noch eine Runde Kopf-Workshop, noch ein bisschen Shop-Polieren, nur kurz dieses Video zu Ende denken.

So entsteht dieser Kreislauf: Ich denke, ich fühle kurz Erfolg, ich habe nichts in der Hand, ich denke weiter. Und irgendwann merkt mein Körper: Aha. Wir liefern permanent Energie – aber wir bekommen keine Ruhe als Belohnung. Kein Wunder, dass er streikt.

Wenn Freude erschöpft

Es ist ein bisschen wie Zucker. Ein kleiner Schub, kurz glänzt alles, und dann kommt der Crash. Tagträume sind wunderbare Motivationstreiber. Sie machen Dinge attraktiv. Sie geben Richtung. Sie sind der Grund, warum ich überhaupt losgehen will.

Aber wenn der Tagtraum die Umsetzung ersetzt, wird er zur Ersatzbefriedigung. Ich habe dann das Gefühl, ich hätte es schon fast gemacht – und dieses „fast“ ist so verführerisch, dass es mich von „wirklich“ fernhält. Nicht aus Faulheit, sondern aus einem ganz menschlichen Trick: Im Kopf ist alles perfekt. In der Realität ist alles… mit Aufwand verbunden. Mit Material, mit Zeit, mit Fehlern, mit Entscheidungen, die ich nicht rückgängig machen kann. Im Kopf kann ich zehn Varianten gleichzeitig haben. In der Hand habe ich am Ende nur eine. Und die ist dann vielleicht nicht die perfekte.

Vielleicht ist das der wahre Grund, warum mich das so auslaugt: Ich will so viel, und ich will es gut. Und mein Kopf versucht, mich zu schützen, indem er mir eine Version gibt, in der alles schon klappt. Das ist lieb gemeint. Nur leider klaut es mir genau die Energie, die ich bräuchte, um überhaupt anzufangen.

Produkte entstehen natürlich mit einer Idee im Kopf. Ohne Kopfkino kein Konzept, ohne Vorstellung kein erster Schritt. Aber solange ich es nicht umsetze, ist es am Ende doch nur verlorene Zeit. Nicht, weil Träumen falsch ist, sondern weil es so tut, als wäre es schon Realität – und mich damit um den Moment bringt, in dem es Wirklichkeit wird.

Und jetzt?

Ich versuche gerade, mit mir selbst einen Deal zu machen. Einen, der nicht moralisch ist, sondern alltagstauglich. Mein Kopf darf träumen – aber nicht nachts um halb drei im Schlafzimmer, als wäre er dort Chef. Dafür braucht er einen anderen Raum.

Heißt konkret: Ich brauche einen Platz für die Ideen, der nicht mein Bett ist. Einen Ort, an dem ich sie kurz ablegen kann, ohne dass sie sofort wieder anfangen, in meinem System herumzurennen. Manchmal reicht schon ein Notizbuch neben dem Sofa, in das ich abends ein paar Stichworte schreibe, damit mein Gehirn sich nicht verantwortlich fühlt, alles zu behalten. Manchmal hilft mir ein Satz wie: „Das ist eine gute Idee. Morgen um zehn ist Ideenzeit.“ Nicht, weil ich dann um zehn wirklich alles mache – sondern weil mein Kopf merkt: Ah, es gibt eine Adresse dafür.

Und dann kommt der Teil, der mich am meisten beruhigt: Ich muss nicht die ganze Idee umsetzen. Ich muss nur etwas Reales tun, das klein genug ist, um nicht einschüchternd zu sein. Nicht „Onlineshop bauen“, sondern „ein Produktfoto machen“. Nicht „Workshop konzipieren“, sondern „Materialliste aufschreiben“. Nicht „Contentstrategie entwickeln“, sondern „ein Video-Skript in drei Sätzen“. Etwas, das man anfassen kann – oder wenigstens speichern. Etwas, das abends sagt: „Siehst du? Wir haben nicht nur gedacht.“

Denn vielleicht ist genau das der Schlafschlüssel: Mein Körper glaubt mir erst wieder, dass Ruhe erlaubt ist, wenn ich ihm tagsüber Beweise liefere, dass etwas wirklich passiert. Nicht viel. Aber in echt.

💬 Und du?

Wo läuft bei dir gerade Kopfkino auf Dauerschleife – und was wäre ein winziger, echter Schritt, der deinem Gehirn sagt: „Danke, hab ich notiert. Wir dürfen jetzt schlafen.“

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Gut gemacht.