Gut gemacht.

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Manchmal glaube ich, Anerkennung ist mein heimlicher Betriebsstoff. Nicht so dramatisch wie „ohne Applaus sterbe ich“, eher so pragmatisch wie: Gib mir ein ehrliches „gut gemacht“ – und ich laufe. Nimm’s weg – und mein innerer Motor macht plötzlich Geräusche, die man sonst nur aus alten Kühlschränken kennt.

Und bevor jetzt jemand „Ego!“ ruft: Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass wir da alle im selben Boot sitzen. Die Psychologie behandelt den Wunsch nach Zugehörigkeit und positiver sozialer Rückmeldung nicht als Charakterfehler, sondern als ziemlich grundlegende menschliche Motivation. Die Sozialpsychologen Baumeister und Leary haben das sehr einflussreich als „need to belong“ beschrieben: Menschen streben nach stabilen, positiven Beziehungen und reagieren empfindlich, wenn diese Bedürfnisse dauerhaft nicht erfüllt werden.

Anerkennung ist keine Deko

Ein Teil von Anerkennung ist schlicht: gesehen werden. Nicht nur als Körper, der irgendwo herumläuft und brav seine Dinge erledigt, sondern als Person mit Absicht, Mühe und Richtung. In der Selbstbestimmungstheorie (eine der großen Motivationstheorien) tauchen drei Grundbedürfnisse auf: Autonomie, Kompetenz und Verbundenheit. Wenn die erfüllt sind, geht es uns tendenziell besser – wenn sie dauerhaft unterversorgt sind, wird’s zäh.

Anerkennung trifft dabei gleich zwei Hebel: Sie füttert Kompetenz („Das, was du machst, hat Wert.“) und sie füttert Verbundenheit („Ich sehe dich – wir sind in Kontakt.“). Und es gibt sogar Hinweise aus der Hirnforschung, dass soziale Belohnungssysteme (also das, was „fühlt sich gut an“ macht) bei Dingen wie gutem Ruf oder sozialer Wertschätzung anspringen – ähnlich wie bei anderen Anreizen.

Heißt: Wenn dein Inneres bei ehrlichem Zuspruch kurz aufrecht sitzt wie eine Katze, die den Kühlschrank hört, dann ist das nicht zwingend ein Charakterfehler und auch keine Macke. Das ist das Standardpaket Mensch.

Gegenwind statt Zuspruch

Und damit sind wir wieder bei mir. Ich bin leider ein Mensch, der besonders gut mit Rückmeldung läuft. So dieses: „Das ist super.“ Und ja, im Subtext auch: „Und damit du auch.“ Nicht, weil ich ohne Komplimente nicht existiere – aber weil ein gutes Wort manchmal der Beweis ist, dass ich nicht völlig am Leben vorbeiarbeite.

Und genau deshalb waren die letzten Wochen und Monate hart. Weil da weniger dieses „Hey, das ist gut“ war – und mehr das Gegenteil. Weniger Resonanz, weniger warmes Echo. Eher Ablehnung, eher Gegenwind, eher das Gefühl: Ich werfe Dinge ins Universum und das Universum wirft sie zurück. Unfrankiert.

Das Gemeine daran ist, Ablehnung ist nicht nur „unschön“. Sie kann sich tatsächlich körperlich und emotional wie Schmerz anfühlen. In Studien zur sozialen Ausgrenzung sehen wir Aktivität in Hirnarealen, die wir auch aus der Schmerzverarbeitung kennen – was gut erklärt, warum „das hat mich verletzt“ manchmal kein Bild ist, sondern eine ziemlich präzise Beschreibung.

Früher stand ich dann da mit meinem Zeug, meiner Mühe, meinem Mut, meine Herzblut und dachte: Okay. Wenn niemand „gut“ sagt – dann bin ich es vielleicht auch einfach nicht.

Schulterklopfen

Heute übernehme ich selbst oft einfach kurz den Job, den ich gerade so vermisse. Kein großes „Selflove“-Feuerwerk, eher eine pragmatische Geste. Ich klopfe mir selbst auf die Schulter. Nicht, weil ich mir einreden will, dass alles toll ist, sondern weil ich anerkennen will, dass da überhaupt etwas war: Mühe, Mut, Dranbleiben. Dass ich nicht einfach nur „irgendwas versucht“ habe, sondern es wirklich gemacht habe, obwohl es sich zwischendurch eher nach Gegenwind als nach Rückenwind angefühlt hat.

Und weil ich weiß, wie still es manchmal sein kann, wenn man auf Rückmeldung wartet: Hier kommt dein Schulterklopfen gleich mit. Falls dir das heute noch niemand gegeben hat – oder in letzter Zeit. Falls du gerade Dinge machst, die keiner sieht, außer dir selbst. Falls du gerade etwas durchziehst, obwohl es sich nicht nach Applaus anfühlt. Ich sehe dich. Ich glaube dir, dass es anstrengend ist. Und ich sage dir das jetzt einfach mal ganz offiziell und ohne Bedingungen: Gut gemacht.

💬 Und du?

Wann hast du dir das letzte Mal selbst (oder jemand anderem) gesagt: „Ich seh dich. Gut gemacht.“?

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Meine Tagträume rauben mir den Schlaf.

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