Alles nicht so schlimm.

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„Wird schon“, sage ich manchmal. Und mein Gehirn antwortet: Challenge accepted.
Es reicht, wenn irgendeine Kleinigkeit passiert. Eine komische Mail. Ein komischer Blick. Eine Banalität, die objektiv ungefähr die dramatische Wucht von „Milch alle“ hat. Und trotzdem produziert mein Gehirn in Rekordzeit eine Doku-Reihe mit dem Titel “Ab hier wird’s tragisch”.

Ich bin in solchen Momenten unfassbar talentiert darin, aus einem Krümel ein ganzes Brot zu backen. Aus einem Fragezeichen eine Kündigung. Aus einer Verzögerung eine Katastrophe. Ich nenne das liebevoll „Vorausschau“. Es ist aber eher ein inneres Kino, in dem ich mich selbst als Hauptdarstellerin in einer Tragödie besetze, die niemand gebucht hat.

Und während ich noch denke „Okay, vermutlich ist es gar nicht so…“, fühlt es sich bereits an, als wäre es sehr so. Als ginge es um alles. Als müsste ich jetzt sofort reagieren, retten, erklären, reparieren, vorsorgen, mich schämen, mich verteidigen oder zumindest innerlich schon mal alles abschreiben. Und plötzlich ist aus „nicht ideal“ eine existenzielle Frage geworden. Das ist beeindruckend, aber leider kein Skill, den ich in meinem Lebenslauf sinnvoll unterbringen kann.

Nicht-Probleme

Besonders irritierend finde ich, dass sich diese Mini-Dramen nicht nach „Kleinkram“ anfühlen. Sie fühlen sich an wie echte schwere Dinge. Wie die Situationen, in denen wirklich etwas kaputtgeht. Wie die Momente, die ich später nicht als „hat mich kurz gestresst“ erinnere, sondern als „da hat sich etwas verschoben“.

Und genau da liegt die Falle: Mein Körper macht oft keinen Unterschied zwischen „Das ist unangenehm“ und „Das ist gefährlich“. Mein Puls kann beides. Mein Kloß im Hals auch. Das berühmte Kopfkino läuft in beiden Fällen in derselben Auflösung, inklusive Surround Sound.

Ich glaube, mein Nervensystem ist manchmal wie ein Rauchmelder, der auch beim Toasten das ganze Haus evakuieren will. Es meint es nicht böse. Es ist sogar irgendwie rührend: Es möchte mich schützen, bevor überhaupt etwas passiert. Nur leider schützt es mich dann auch vor dem Leben. Vor Gelassenheit. Vor der Möglichkeit, dass Dinge einfach… normal laufen könnten.

Und ich merke: Ich verausgabe mich an Stellen, die gar keine echte Bedeutung haben. Ich kämpfe innerlich um Themen, die in einer Woche maximal noch als „ach ja, stimmt“ existieren. Wenn überhaupt. Und trotzdem kosten sie mich Kraft – genauso viel Kraft wie die wirklich harten Sachen.

Kraft ist endlich.

Das ist der Punkt, an dem ich inzwischen etwas unromantisch werde: Meine Energie ist begrenzt. Und ich habe keine Lust mehr, sie für Nicht-Probleme zu verheizen, nur weil sie sich gerade laut anfühlen.

Denn ich kenne die andere Seite. Ich kenne die echten Einschnitte. Die Nachrichten, die mit „Können wir kurz telefonieren?“ anfangen, gefolgt von einem Satz, der alles kippt. Ich kenne das Gefühl, wenn man merkt: Das hier ist kein Drama im Kopf. Das hier ist Realität. Das hier bleibt. Und genau deshalb will ich besser haushalten.

Ich will nicht jeden Tag so tun, als wäre ein kleiner Stolperer ein Hinweis darauf, dass gleich die ganze Straße einstürzt. Ich will nicht bei jeder Kleinigkeit so viel Adrenalin verbrauchen, als müsste ich gerade ein sinkendes Schiff verlassen – nur um dann festzustellen: Es war ein Papierschiffchen in der Badewanne.

Und ja: Der nächste Schicksalsschlag kommt irgendwann sowieso. Das ist nicht pessimistisch, das ist Leben. Und wenn er kommt, möchte ich Kraft haben. Nicht die Reste aus einer Woche „innerer Notfallmodus“, weil ich mich in Details verrannt habe, die später keiner mehr kennt – nicht mal ich selbst.

Und jetzt?

Ich trainiere inzwischen eine unspektakuläre Superkraft: kurz innehalten. Nicht als moralisches „stell dich nicht so an”, sondern als freundliches „Moment – ist das gerade wirklich wichtig?”

Wenn ich dann merke, dass ich aus einer Kleinigkeit ein Endzeitszenario mache, stelle ich mir eine unaufgeregte Frage: Wird das in einem Monat noch eine Rolle spielen? In einem Jahr? Und ganz oft ist die Antwort so still und ehrlich, dass sie fast unhöflich wirkt: Nein. Nicht wirklich.

Dann versuche ich, das Problem an seinen Platz zurückzuschieben. Nicht wegzudrücken, nicht schönzureden, nicht zu ignorieren – sondern einzusortieren. „Das ist nervig“ darf bleiben. „Das ist doof gelaufen“ auch. Aber „das ist das Ende“ bekommt keine Sendezeit mehr in meinem Kopf.

Manchmal hilft mir auch, es laut auszusprechen: „Okay. Das fühlt sich gerade groß an. Aber es ist nicht groß.“ Und dann mache ich etwas, das unglaublich unspektakulär ist und trotzdem wirkt: Ich warte. Ich schlafe eine Nacht drüber. Ich lasse Zeit vergehen. Und Zeit ist erstaunlich gut darin, Nicht-Probleme wieder auf ihre echte Größe zu schrumpfen.

Bis dahin sage ich mir Alles nicht so schlimm. Denn wenn ich all meine Kraft in die Banalitäten stecke, als wären sie ein schwerer Schicksalsschlag, habe ich keine Kraft mehr übrig, wenn das Leben wirklich zuschlägt.

💬 Und du?

Wo baust du aus Kleinigkeiten gerade ein Endzeitszenario? – Und was wäre, wenn du heute einfach mal testweise denkst: Alles nicht so schlimm.

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Meine Tagträume rauben mir den Schlaf.