Ich bin ich. Und du bist du.

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„Man steckt halt nicht drin.“

Diesen Satz sagen wir meistens dann, wenn wir gerade merken, dass wir eigentlich doch schon mitten drin stecken. In einer Meinung, in einer Reaktion, in einem „Das ist doch nun wirklich nicht so schlimm“ oder einem „Wie kann man das denn bitte locker sehen“. Und zack: Zwei Menschen, ein Ereignis, komplett unterschiedliche Innenwelten.

Ich kenne das gut. Dinge, die für mich völlig normal sind, sind für andere eine Zumutung. Und umgekehrt. Manchmal stehe ich daneben und denke: Hä? Das ist doch… okay? Und dann fällt mir ein, dass „okay“ kein Zustand ist. Es ist ein Gefühl. Und Gefühle sind erstaunlich wenig genormt.

Wir sind alle Menschen, ja. Wir erleben ähnliche Dinge: Stress, Verlust, Freude, Druck, Scham, Erwartungen, diese seltsame Mischung aus „ich will dazugehören“ und „bitte lasst mich alle in Ruhe“. Aber wir durchleben das nicht identisch. Nicht mal ansatzweise. Weil das, was außen passiert, innen immer erst übersetzt wird. Und jede Übersetzung klingt anders.

Normal ist kein Naturgesetz

„Ganz normal“ ist oft nur ein anderes Wort für: „So kenne ich das.“ Und „so kenne ich das“ kann, freundlich gesagt, meilenweit von „so fühlt sich das für dich an“ entfernt liegen.

Was für mich Routine ist, kann für dich Überforderung sein. Was für dich Alltag ist, kann für mich ein inneres „Wie machst du das denn, ohne dabei zu zerbröseln?“ sein. Manche Menschen sind in Konflikten super klar, weil sie gelernt haben, sich abzugrenzen. Andere werden in Konflikten still, weil sie gelernt haben, dass Lautsein gefährlich ist. Manche erzählen sofort alles, weil Worte entlasten. Andere schweigen, weil Worte früher Konsequenzen hatten.

Und dann stehen wir nebeneinander und wundern uns über die Reaktion des anderen. Als würde da jemand „falsch“ fühlen. Dabei fühlt niemand falsch, sondern nur anders. Weil die Landkarte im Kopf eine andere ist. Weil Erfahrungen, Prägungen, Temperament, Sicherheit, Körper, Tagesform und hundert kleine unsichtbare Details mitreden.

Empathie hat eine Brille

Ich halte Empathie für etwas sehr Schönes und absolut Notwendiges. Und gleichzeitig für etwas, das wir gern überschätzen. Weil wir am Ende alle einfach Menschen sind, die ihre eigene Innenwelt als Standardausstattung mitbekommen haben.

Selbst wenn ich mich sehr bemühe, dich zu verstehen: Ich mache das mit meinen Werkzeugen. Mit meinen Begriffen für Angst, meinen Bildern für Stress, meinen Erinnerungen daran, wie sich Traurigkeit in meinem Körper anfühlt. Ich kann mich annähern, ja. Ich kann zuhören, ich kann Fragen stellen, ich kann still werden und nicht sofort erklären. Aber ich kann nicht in deinem Nervensystem wohnen. Ich kann nicht exakt fühlen, was du fühlst. Ich kann nur Versionen davon bauen, in mir drin, auf meinem Fundament.

Manchmal ist genau das der Moment, in dem Missverständnisse entstehen. Weil wir glauben, wir hätten es verstanden, und dann reagieren wir entsprechend. Und der andere denkt: Nein. Genau das nicht. Du hast das richtig nett gemeint, aber du stehst gerade in meiner Geschichte auf dem falschen Kapitel.

Das ist übrigens kein Grund, Empathie wegzuwerfen. Es ist ein Grund, sie zu entromantisieren. Empathie ist nicht: „Ich weiß, wie du dich fühlst.“ Empathie ist eher: „Ich kann es nicht komplett wissen, aber ich bleibe da, ohne dich zu korrigieren.“

Mehr Fragen, weniger Übersetzung

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann das: weniger Vergleichen, mehr Neugier. Weniger „Bei mir wäre das so…“, mehr „Wie ist das eigentlich bei dir?“ Weniger schnelle Lösungen, mehr Raum. Nicht, weil Lösungen schlecht sind. Sondern weil sie oft zu früh kommen, wie ein Regenschirm, den dir jemand aufspannt, obwohl du gerade noch die Sonne genießt.

Ich glaube, wir müssen nicht identisch fühlen, um uns nah zu sein. Wir müssen nicht dieselbe „Normalität“ teilen, um uns zu respektieren. Es reicht manchmal, anzuerkennen, dass der andere aus einem anderen inneren Land kommt. Mit anderen Wetterlagen, anderen Warnschildern, anderen Wegen, die sich sicher anfühlen.

Und vielleicht ist genau das der kleine Frieden darin: Ich bin ich. Mit meiner Brille, meinen Reflexen, meinen Standards, meinen „Das ist doch normal“-Momenten. Und du bist du. Mit deiner Geschichte, deiner Sprache, deinem Tempo, deinem Mut an Stellen, die ich gar nicht sehe.

Wenn wir das ernst nehmen, wird alles ein bisschen weicher. Nicht egal. Nicht beliebig. Aber weniger kämpferisch. Weil wir nicht mehr versuchen, einander in unsere Formen zu pressen. Sondern weil wir anfangen, uns tatsächlich zu begegnen.

💬 Und du?

Wo merkst du gerade am deutlichsten, dass deine „Normalität“ nicht automatisch die von anderen ist – und was passiert, wenn du dir erlaubst, das einfach stehen zu lassen?

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Alles nicht so schlimm.