Wenn alles wichtig ist
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Ich erleben im Moment ständig Tage, an denen mein Gehirn morgens aufwacht und sofort so tut, als wäre es gleichzeitig Projektleitung, Notaufnahme und Pressestelle. Alles hat Priorität. Alles ist dringend. Alles hat dieses leicht hysterische „Wenn du mich nicht sofort machst, kippt das ganze System“-Lachen. Die Mail. Der Anruf. Der Termin. Das Dokument, das irgendwo liegt, aber offenbar absichtlich Verstecken spielt. Der Wäschekorb, der mich ansieht, als hätte ich ihm persönlich versprochen, heute ein besserer Mensch zu werden. Und irgendwo dazwischen habe ich auch noch die Idee, dass ich „mal das große Ganze“ sortieren müsste, weil ich mich ja nicht jeden Tag wie ein menschliches Pop-up-Fenster durchs Leben klicken kann.
Aber für alles finde ich ein Argument. Alles klingt plausibel. Alles hat Konsequenzen. Alles ist in irgendeiner Version von „wichtig“ nachvollziehbar. Nur leider bleibt der Tag trotzdem exakt gleich lang wie gestern, und mein Körper hat auch nicht heimlich ein zweites Nervensystem installiert, das die Hälfte der Dinge übernimmt. Was passiert, wenn ich versuche, alles wichtig zu nehmen? Ich renne. Ich reagiere. Ich arbeite mich ab. Und am Ende des Tages bin ich müde auf eine sehr spezielle Art: nicht „ich habe etwas geschafft“, sondern „ich war den ganzen Tag in Bewegung und bin trotzdem nicht angekommen“.
Falsche Prioritäten fühlen sich für mich nämlich oft an wie Fleiß. Das ist der Trick. Wenn ich keine echte Priorität setze, setzt mein Leben automatisch die Priorität „Druck“. Dann gewinnt das Dringende. Nicht weil es wichtiger ist, sondern weil es lauter ist. Es blinkt. Es kommt mit rotem Ausrufezeichen. Es wirkt wie eine kleine Katastrophe in Tabellenform. Und ich reagiere darauf, als wäre ich dafür gebaut worden: Ich lösche Brände. Ich lösche sehr viele Brände. Manche davon brennen nicht mal. Aber Hauptsache, ich habe etwas „geschafft“. Das Problem: Druck ist ein miserabler Berater. Druck macht mich nicht klar. Druck macht mich schnell. Und schnell ist nicht automatisch richtig.
Am Ende sieht mein Tag aus wie „ich war produktiv“. Viele Häkchen. Viele kleine Erledigungen. Viel „ich hab’s doch gemacht“. Und trotzdem bleibt dieses unangenehme Grundgefühl, das sich nicht beeindrucken lässt: Da war etwas, das eigentlich dran war. Und ich habe es den ganzen Tag erfolgreich umkreist, wie ein Satellit, der Angst hat, zu landen.
Prioritäten klingen ja immer so, als würden wir Dinge fair sortieren. Als gäbe es irgendwo eine neutrale Instanz, die sagt: Platz 1, Platz 2, Platz 3. Dabei ist Priorisieren gar keine Rangliste. Priorisieren ist eine Entscheidung gegen alles andere. Und genau deshalb vermeide ich es so gern. Weil es sich nicht gut anfühlt, Dinge bewusst liegen zu lassen. Weil sofort diese innere Stimme auftaucht, die sagt: „Aber das ist doch auch wichtig.“ Und ja. Oft ist es das. Aber nicht jetzt. Nicht gleichzeitig. Nicht alles.
Und dann gibt es noch die zweite Wahrheit, die ich selbst auch nicht gern zugebe: Das Wichtigste fühlt sich selten an wie das Dringendste. Es ist oft stiller. Langfristiger. Unauffälliger. Es trägt keinen Alarmton, sondern eher so eine leise, nervige Konstanz. Es ist das Gespräch, das ich zu lange vor mir herschiebe. Die Entscheidung, die ich nicht treffen will, weil dann eine andere Option stirbt. Der Antrag, die Steuererklärung, der Anruf, die klare Grenze. Es sind die Dinge, die mich nicht sofort belohnen, sondern erst später. Und später ist bekanntlich ein Ort, den ich gern besuche, aber ungern bewohne.
Ich brauche an solchen Tagen keine neue Methode. Ich brauche keinen „Lifehack“. Ich brauche einen Moment Wahrheit. Wenn alles wichtig wird, stelle ich mir eine Frage, die nicht schön ist, aber hilfreich: Was wäre die eine Sache, die mir heute echte Ruhe geben würde, wenn sie erledigt ist? Nicht „Ruhe“ im Sinne von Kerzen, Kräutertee und einem plötzlich erleuchteten Nervensystem. Eher diese praktische Ruhe, die entsteht, wenn etwas nicht mehr im Hintergrund mitläuft. Wenn mein Kopf nicht mehr ständig kurz zuckt, weil er irgendwo hinten noch ein „nicht vergessen, nicht vergessen“ hochhält.
Diese Frage sortiert erstaunlich schnell, was gerade nur laut ist – und was wirklich Gewicht hat. Und dann mache ich genau das zuerst. Nicht perfekt. Nicht heldenhaft. Einfach so, dass es erledigt ist. Und das ist der entscheidende Punkt: Priorisieren heißt für mich nicht, dass danach plötzlich alles leicht wird. Priorisieren heißt nur, dass der Lärm leiser wird. Dass mein Kopf nicht mehr gleichzeitig fünfzehn offene Tabs abspielt und so tut, als wäre das Multitasking.
Und falls ich doch wieder in dieses „alles ist wichtig“-Gefühl rutsche, erinnere ich mich an einen Satz wie an ein Stoppschild: Wenn alles wichtig ist, ist nichts wichtig. Das ist kein Spruch zum Gutfühlen. Das ist eine Grenze. Eine Erinnerung daran, dass ich nicht dafür gemacht bin, alles gleichzeitig zu tragen. Nicht weil ich zu wenig kann, sondern weil das Konzept einfach Quatsch ist.
💬 Und du?
Was wäre heute die eine Sache, die dir echte Ruhe geben würde, wenn sie erledigt wäre?