Stück für Stück.
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Ich werde oft gefragt, was ich aktuell eigentlich so mache, so ohne Job. Die ehrlichste Antwort darauf wäre wahrscheinlich: „Ich versuche mir mein Traumleben aufzubauen.“
Leider ist mein Traumleben oft nur wie leise Musik aus einem Nachbarzimmer. Ich höre sie, ich weiß genau, dass sie da ist, und ich mag sie wirklich. Aber davor läuft halt der Alltag auf voller Lautstärke: Spülmaschine, Termine, Organisation, Verantwortung, dieser ganze „Ich halte das hier zusammen“-Soundtrack. Und wenn wir ehrlich sind, hat der Alltag auch eine gewisse Autorität. Er steht da mit Klemmbrett und sagt: „Schön, dass du Träume hast. Wir sprechen uns, wenn die Wäsche fertig ist.“
Ich habe daher lange geglaubt, ich müsste nur irgendwann mal genügend Zeit übrig haben. So eine große, leere Fläche im Kalender, auf der steht: „Heute: Traum leben.“ Als wäre das ein Feiertag, der irgendwann automatisch kommt. Spoiler: Er kommt nicht. Und wenn doch, bin ich meist so erschöpft, dass ich ihn nicht erkenne.
Ich arbeite trotzdem weiter an meinem Traum. Und das klingt viel ordentlicher, als es sich im echten Leben oft anfühlt. Im echten Leben ist es eher ein ständiges Aushandeln zwischen dem, was ich will – und dem, was der Tag so mit mir vorhat.
Der Alltag als Spielverderber
Dabei ist mein Alltag eigentlich nicht böse. Er ist einfach… zuverlässig. Er steht morgens auf, bringt die Spülmaschine zum Überlaufen, verteilt Termine wie Konfetti und lässt mich abends auf dem Sofa landen, als wäre ich aus Versehen in meinem eigenen Leben ausgeknockt worden.
Und genau da liegt der Haken: Mein Traum braucht mich nicht nur in meinen „Ich-habe-motivationsmäßig-einen-Flow“-Momenten. Er braucht mich auch an den Tagen, an denen ich schon beim Gedanken an eine To-do-Liste eine leichte innere Fluchtbewegung spüre.
Am Anfang habe ich es so gemacht, wie man es eben macht, wenn man ein Mensch ist, der gerne Dinge „richtig“ macht: Ich habe gesammelt. Ideen, Aufgaben, Projekte, Links, Notizen, „später mal“-Listen. Ich habe alles fein säuberlich in meinem Kopf gestapelt, als würde ich daraus irgendwann einen produktiven Mount Everest bauen.
Und dann habe ich mir vorgenommen: „Am Tag XY räume ich das alles weg. Dann mache ich richtig was. Dann arbeite ich einen riesigen Berg ab.“
Klingt super. Ist eine Falle.
Denn Tag XY kam oft nicht. Weil natürlich etwas dazwischenkam. Oder weil ich – wenn Tag XY tatsächlich kam – danach so fertig war, dass es sich nicht wie Annäherung an einen Traum anfühlte, sondern wie ein emotionaler Tauchgang in „Was mache ich hier eigentlich?“
Ich war nicht beflügelt. Ich war erschlagen.
Und das Schlimmste: Ich habe mich danach meinem Traum kein Stück näher gefühlt, sondern weiter weg. Weil ich ihn mit Überforderung verknüpft habe. Mit Druck. Mit dieser inneren Stimme, die nach acht Stunden Abarbeiten plötzlich fragt: „Und dafür willst du dein Leben umbauen?“
Ein Traum ist kein Sprint
Irgendwann ist mir aufgefallen: Diese „Ich mache das alles an einem großen Tag“-Strategie funktioniert vielleicht für Dinge wie Keller ausmisten oder Steuererklärung (also… theoretisch). Aber nicht für Träume. Weil Träume kein Projekt sind, das wir einmal durchziehen und dann abhaken. Träume sind eher wie ein Garten. Wenn du einmal im Monat panisch alles gießt, ist das kein liebevoller Prozess. Das ist Hochwasser.
Also habe ich die Strategie geändert. Und sie ist gleichzeitig kleiner und größer geworden. Egal wie hektisch der Alltag ist, ich mache jeden Tag eine Sache, die mich meinem Traum näher bringt. Nicht „viele“. Nicht „alles“. Nicht „heute aber richtig“. Sondern: irgendetwas. Das kann winzig sein oder groß. Hauptsache, es ist ein Schritt in die Richtung, in die ich will.
Manchmal ist es eine große Aufgabe: eine Workshop-Struktur planen, ein Produkt fotografieren, eine Seite im Shop bauen, ein Konzept ausarbeiten, ein Text für die Website, ein Telefonat, eine Kalkulation. Manchmal ist es aber auch nur: ein Foto sortieren, eine Idee notieren, eine Produktbeschreibung anreißen, Material bestellen, eine halbe Stunde recherchieren, einen Entwurf speichern, eine Datei benennen (ja, das ist ein echter Fortschritt – unterschätzt das nicht).
Ich überfordere mich damit nicht. Ich bleibe verbunden. Ich halte den Faden in der Hand, statt ihn alle zwei Wochen hektisch wieder suchen zu müssen.
Und wenn ich sonntags auf die Woche zurückblicke, sehe ich: Da ist Bewegung drin. Manchmal Tippelschritte. Manchmal Riesenschritte. Aber immer vorwärts. Und vor allem: Ich bin emotional bei meinem Traum geblieben, statt mich von ihm erschlagen zu lassen.
Mehr Zeit ist nicht die Lösung
Ich glaube inzwischen, viele Träume scheitern nicht daran, dass jemand nicht genug will. Sondern daran, dass zwischen „wollen“ und „machen“ zu wenig Kontakt stattfindet. Wenn du nur selten an deinem Traum arbeitest, fühlt er sich irgendwann an wie ein Fremder. Du weißt noch, dass ihr mal sehr eng wart, aber wenn ihr euch trefft, ist es irgendwie unangenehm und du denkst: „Kennen wir uns noch?“
Diese tägliche Mini-Handlung ist wie eine kleine Nachricht: „Hey. Ich bin noch da. Ich meine das ernst.“
Nicht als Selbstoptimierung. Eher als Beziehungspflege.
Den eigenen Traum finden
Vielleicht liest du das und denkst: „Schön für dich. Ich wüsste ja nicht mal, was mein Traum ist.“
Fair. Manche Menschen haben keinen klaren Traum, sondern eher so ein diffuses Gefühl von „Da müsste doch noch was sein“. So ging es mir bis vor Kurzem auch.
Aber ich habe meinen Traum gefunden. Dafür habe ich keine Therapie, kein Coaching und kein Bali-Retreat gebraucht, sondern nur ein paar Minuten Zeit und ein weißes Blatt Papier. Falls du deinen Traum auch noch suchst, könnte dir das vielleicht auch helfen.
Stell dir deinen Alltag vor – aber im Idealfall. Und wichtig: Deine aktuelle Situation spielt erstmal keine Rolle. Geld spielt keine Rolle. Verpflichtungen spielen keine Rolle. Realität macht kurz Pause. Das ist kein Businessplan. Das ist ein Traum.
Mach es super konkret. Wo wachst du auf? In welchem Raum? Wie fühlt sich das an? Was isst du morgens? Mit wem sprichst du? Welche Menschen sind um dich herum – und zwar die, die du wirklich in deinem Leben haben willst, nicht die, die „halt dazugehören“. Wie sieht dein Tag aus? Arbeitest du? Wenn ja: woran? In welchem Tempo? Mit welchen Tätigkeiten? Welche Stimmung hat dein Tag?
Wenn du das Bild hast, machst du das, was sich extrem erwachsen anhört und trotzdem ziemlich befreiend ist: Backwards Engineering.
Du schaust von deinem Traum-Alltag zurück auf dein echtes Leben und fragst dich: Welche Schritte wären nötig, um von hier nach da zu kommen? Was müsste sich verändern? Was müsste entstehen? Was müsste wegfallen? Was müsste wachsen?
Und dann: Mach jeden Tag einen dieser Schritte.
Und nein: Das muss nichts Spektakuläres sein. Dein Traum muss nicht heißen „Ich wandere aus und züchte Avocados auf einer Klippe“. Kann sein – muss nicht.
Es kann auch etwas Kleines, fast Banales sein. Vielleicht ist dein Traum ein ruhigeres Leben. Dann könnte ein Schritt sein, dir jeden Tag zehn Minuten Zeit nur für dich zu reservieren. Vielleicht ist dein Traum mehr Kreativität. Dann könnte ein Schritt sein, jeden Tag eine Idee aufzuschreiben oder zehn Minuten zu basteln, zu schreiben, zu nähen, zu zeichnen – ohne Anspruch auf Ergebnis. Vielleicht ist dein Traum mehr Verbindung. Dann könnte ein Schritt sein, jeden Tag eine Person anzuschreiben, bei der du dich lebendig fühlst. Vielleicht ist dein Traum mehr Gesundheit. Dann könnte ein Schritt sein, jeden Tag eine Runde zu gehen, ein Glas Wasser mehr zu trinken oder dir endlich diesen einen Arzttermin zu machen, den du seit 14 Monaten wegdrückst, als wäre er ein unangenehmer Newsletter.
Wichtig ist nur: Es ist dein Traum. Und nur du musst ihn traumhaft finden. Nicht deine Familie, nicht dein Umfeld, nicht das Internet und schon gar nicht diese innere Stimme, die immer fragt, ob das „realistisch“ ist. Realistisch wird es erst, wenn du anfängst.
Schritt für Schritt
Ich glaube, der größte Fehler ist zu denken, dass Fortschritt nur zählt, wenn er groß ist. Aber große Schritte sind selten. Und wenn wir warten, bis wir die Energie für große Schritte haben, warten wir oft sehr lange. Manchmal so lange, bis der Traum leise wird.
Ein kleiner Schritt jeden Tag ist nicht wenig. Es ist ein System. Es ist eine Entscheidung. Es ist ein „Ich baue das wirklich“.
Und falls du gerade denkst: „Aber ich habe heute keine Kraft.“ Dann ist heute vielleicht ein Tag für den kleinsten Schritt. Einer, der so klein ist, dass er dich nicht überfordert, aber groß genug, dass du dich morgen noch als jemand erkennst, der in die richtige Richtung unterwegs ist.
Tippelschritte zählen. Riesenschritte auch. Hauptsache: vorwärts.
💬 Und du?
Was wäre heute deine eine Sache – die dich deinem Traum auch nur einen Millimeter näher bringt?