Donnerstag.
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Heute ist der 1. Januar. Neujahr. Die perfekte Steilvorlage, um über Neujahresvorsätze zu schreiben – und darüber, wie ich, wie vermutlich alle anderen Menschen auch, schon am dritten Tag zuverlässig jedes Jahr an meinen Vorsätzen scheitere. Es wäre auch der perfekte Tag für einen Text über Neuanfänge, über diesen berühmten Satz, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt. Oder über die Feiertage, über die Zeit „zwischen den Jahren“, über dieses seltsame Vakuum aus Raclette, Restschokolade und dem Gefühl, dass Dienstag genauso gut Freitag sein könnte.
Alles großartige Themen. Und vor allem: alles Themen, die nicht nur mich betreffen, sondern im Prinzip alle. Neujahr ist wie ein Gemeinschaftsprojekt. Ich könnte daraus etwas machen. Ich sollte daraus etwas machen. Ich habe quasi die moralische Verpflichtung, etwas daraus zu machen.
Hab ich auch versucht.
Hat nicht geklappt.
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Neujahrsthemen jedes Jahr ein bisschen so wirken, als hätte jemand sie in einer großen Schüssel angerührt und dann gleichmäßig über alle Blogs und Instagram-Feeds verteilt. Oder daran, dass wir bei Neujahr automatisch in diese Tonlage rutschen, in der wir plötzlich sehr weise klingen und über Dinge schreiben wie „Loslassen“, „Visionen“ und „neue Kapitel“ – und ich sitze hier und denke: Ich finde gerade nicht mal meine Schlüssel. Wie soll ich da ein neues Kapitel anfangen?
Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass ich keine Lust habe, mich heute von einem Datum zu etwas überreden zu lassen. Der 1. Januar hat so eine Energie von: „Na los. Sag was Bedeutungsvolles. Mach’s groß. Mach’s rund. Mach’s inspirierend.“ Fühle ich aber gerade nicht.
Also mache ich etwas anderes. Etwas sehr Rebellisches. Fast schon unverschämt Unspektakuläres.
Ich schreibe darüber, dass heute Donnerstag ist.
Weil ich montags und donnerstags schreibe. Das ist mein System. Meine kleine, stabile Säule im Weltgeschehen. Nicht glamourös, aber zuverlässig. Montags und donnerstags sitze ich da und tue so, als hätte ich mein Leben im Griff, indem ich Worte aneinanderreihe. Und heute ist eben Donnerstag. Deshalb schreibe ich.
Es ist irgendwie beruhigend, dass der Donnerstag sich nicht darum schert, was der Kalender sagt. Der Donnerstag kommt einfach. Egal ob Weihnachten war, Silvester, Neujahr oder der Moment, in dem du beschlossen hast, nie wieder Glitzer aus irgendwas entfernen zu müssen. Donnerstag ist nicht symbolisch. Donnerstag ist nicht emotional aufgeladen. Donnerstag hat keine Erwartungen an deine Entwicklung als Mensch. Donnerstag will nur, dass du existierst. Und vielleicht, wenn du Glück hast, dass du zwischendurch ein Glas Wasser trinkst.
Und ich mag das.
Ich mag diese Form von „Ich mach das, weil ich’s mache“. Nicht als Vorsatz. Nicht als große neue Identität. Sondern als Rhythmus. Als Entscheidung, die so klein ist, dass sie sich nicht wichtig nimmt – und genau deshalb funktioniert.
Neujahr ist dieser riesige, glitzernde Startschuss, der so laut knallt, dass wir kurz glauben, jetzt müsste alles anders werden. Montag und Donnerstag sind dagegen eher wie ein leises Klopfen an der Tür: „Hi. Ich bin’s. Du wolltest doch schreiben.“ Keine Show. Keine Dramaturgie. Nur: Wiederholung. Und ehrlich gesagt glaube ich, dass genau da die Magie eher wohnt als im großen Neujahrszauber. Nicht im „ab jetzt“, sondern im „wieder“.
Also: Happy New Year, I guess.
Aber vor allem: Happy Donnerstag.
💬 Und du?
Ist bei dir heute Neujahr? Oder einfach nur Donnerstag?