Eins nach dem anderen.

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Es gibt Menschen, die machen Dinge in einer Reihenfolge. Sie stehen auf, machen Kaffee, trinken Kaffee, denken dann über ihr Leben nach. Bei mir ist es eher: Ich stehe auf, denke gleichzeitig an Kaffee, an eine E-Mail, die ich “kurz” beantworten wollte, an das eine Projekt, das eigentlich seit Wochen nur noch „der letzte Schritt“ ist, und an die brillante Idee, dass ich heute bestimmt nebenbei auch noch den Sinn des Lebens finde. Mein Gehirn kann nicht gut „eins nach dem anderen“. Es kann hervorragend „alles auf einmal”. Und das Gemeine daran ist, es fühlt sich nicht nach Chaos an, sondern nach Produktivität mit Glamour. Wie ein innerer Konfetti-Kanonenstartschuss. Dabei ist es eigentlich nur mein Kopf, der sich weigert, einen langweiligen Ablauf als das zu akzeptieren, was er ist: ein Ablauf. Schritt 1, dann Schritt 2, dann Schritt 3. Ich weiß das. Wirklich. Ich habe Abitur. Ich kann eine Anleitung lesen. Ich kann hervorragend IKEA-Möbel aufbauen. Aber mein Gehirn? Mein Gehirn ist beim Wort „Reihenfolge“ schon emotional ausgestiegen und hat sich einen Snack geholt.

Zollkontrolle meines Lebens

Das Problem ist nämlich nicht, dass ich das Gesamtkonzept nicht verstehe. Im Gegenteil: Ich sehe das Ganze sofort. Ich sehe das fertige Ergebnis. Ich sehe sogar mehrere mögliche fertige Ergebnisse, inklusive der Variante in „ästhetisch, aber unnötig kompliziert“. Ich sehe Schritt 7 mit dramatischem Licht und epischer Musik. Was ich nicht sehe, ist der Reiz von Schritt 1. Schritt 1 ist meistens sowas wie: Dinge raussuchen. Grundieren. Stoff bügeln. Formulare ausfüllen. Unangenehme Gespräche führen. Ordner anlegen. Materialliste schreiben. Den Rahmen spannen. Eine blöde Entscheidung treffen, die ich nicht umgehen kann, weil sie später alles beeinflusst. Schritt 1 ist die Zollkontrolle: Ich weiß, dass ich da durchmuss, aber ich kann nicht glauben, dass das wirklich Teil der Reise sein soll. Mein Gehirn möchte lieber direkt am Strand spazieren. Also springt es. Es hüpft kreuz und quer zu den spannenden Teilen, weil dort Dopamin wohnt. Und Dopamin ist nun mal ein sehr überzeugender Gastgeber. „Komm rein“, sagt es, „hier gibt’s Ideen, Visionen und das Gefühl, du wärst gerade dabei, dein Leben in den Griff zu bekommen.“ Während Schritt 1 draußen steht, die Arme verschränkt, und trocken murmelt: „Ohne mich wird das hier alles nichts.“

Streusel auf Luft

Man könnte jetzt meinen, wenn mir bewusst wird, dass Schritt 1 zuerst kommen muss, dann kann ich das doch einfach machen. Das ist der Moment, in dem Menschen mit einem neurotypischen Gehirn freundlich nicken und sagen: „Dann mach halt erst Schritt 1.“ Ja. Genau. Und wenn ich morgens müde bin, schlafe ich halt einfach aus. Wenn ich Hunger habe, esse ich halt einen Salat. Wenn ich gestresst bin, atme ich halt in Ruhe. Wir wissen alle, wie „halt einfach“ in der Praxis funktioniert. Mein Gehirn ist nämlich nicht dumm. Es ist nur… unkooperativ. Es kann mir glasklar erklären, warum die Reihenfolge wichtig ist, und gleichzeitig mit einem kindlichen Trotz im Gesicht in Richtung Schritt 5 rennen. Und meistens renne ich hinterher, weil es sich wirklich wie ein Ding der Unmöglichkeit anfühlt, die vorgelagerten, langweiligen Schritte zu machen. Nicht, weil ich sie nicht kann, sondern weil sie sich anfühlen wie ein grauer Gang ohne Fenster, während Schritt 5 ein Trampolinpark ist. Dann sitze ich da, mache etwas, das eigentlich erst später Sinn ergeben würde, und wundere mich anschließend, warum das ganze Konstrukt wackelt. Es ist ein bisschen, als würde ich beim Kuchenbacken mit der Deko anfangen. Erst mal Streusel. Ganz viele Streusel. Und dann stelle ich fest: Ich habe noch keinen Teig. Aber hey, die Streusel sind wunderschön. Hilft nur leider niemandem, wenn das Ergebnis am Ende „Streusel auf Luft“ heißt.

Escape-Room

Dieses Springen wirkt von außen oft charmant. Kreativ. Vielseitig. „Du hast so viele Ideen!“ Ja. Ich habe auch so viele angefangene Projekte, dass ich theoretisch einen kleinen Freizeitpark eröffnen könnte: „Fast fertig – die Erlebniswelt“. Überall stehen Dinge, die zu 80 oder 90 Prozent fertig sind. Und diese letzten Prozente sind nicht schwer – sie sind nur langweilig. Sie sind das Bügeln, nachdem ich das Kissen schon genäht habe. Das Aufräumen nach dem Bastelspaß. Das Beschriften der Dateien. Das Finale ohne Feuerwerk. Und genau da verliere ich häufig das Interesse, weil mein Kopf längst beim nächsten Anfang sitzt und schon wieder mit den Fingern schnippt: „Komm, nur kurz was Neues starten, das wird bestimmt diesmal anders.“ Spoiler: wird es nicht. 

Was mir hilft, ist, die langweiligen Dinge zu verkleiden. Ich verwandle sie in einen kleinen Wettkampf gegen mich selbst: Wie schnell kann ich das vorbereiten, ohne zwischendurch zu Schritt 5 abzubiegen? Wie viele Mini-Aufgaben kriege ich in zehn Minuten weg? Kann ich „Aufräumen“ so behandeln, als wäre es eine Sportart? Mein Gehirn braucht dieses Gefühl von Bewegung, von Punkten, von „gleich passiert was“. Also gebe ich ihm das. Ich nenne es Challenge, ich setze mir absurde Mini-Regeln, ich mache einen Timer an und tue so, als gäbe es am Ende eine Siegerehrung. Und manchmal – nicht immer, aber oft genug – bleibt mein Kopf dann tatsächlich bei den langweiligen Etappen, bis sie durch sind. Nicht aus Vernunft, sondern weil das Unspannende plötzlich nicht mehr der graue Flur ist, durch den ich muss, sondern eher ein Escape-Room, bei dem ich mich am Ende frage, warum ich gerade so stolz darauf bin, ein Formular ausgefüllt zu haben. Aber hey: Das Formular war der Schlüssel.

💬 Und du?

Bist du eher Team „Reihenfolge“ – oder Team „Ich hab schon mal angefangen, was soll schon passieren“?

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