Zeitdruck ist auch nur Druck.

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Ich stehe eigentlich immer unter Zeitdruck. Nicht, weil mein Kalender so voll ist, sondern weil ich innerlich ein kleines Missverständnis über das Konzept Zeit pflege. Ich glaube nicht so richtig daran. Ich weiß natürlich, dass sie existiert – Uhren funktionieren, Züge fahren ab, Kinder haben irgendwann Geburtstag – aber für mich verhält sie sich eher wie ein Gerücht. Zeit ist in meinem Kopf keine gerade Linie, sondern ein sehr kreatives Raumkonzept. Mal ist sie ein Flur, mal eine Falltür, mal ein Trampolin. Und manchmal ist sie einfach weg. Dann ist es 08:10 Uhr, ich blinzle, und plötzlich ist es 09:47 Uhr und ich stehe da wie jemand, der gerade ernsthaft behaupten will, er sei „kurz ins Bad“ gegangen. Ich habe darüber schon mal geschrieben, vor ein paar Monaten – über dieses persönliche Zeitgefühl, das nicht zu dem passt, was alle anderen normal nennen. Ich nenne es weiterhin meine innere Zeitzone. Sie ist wunderschön, aber leider nicht kompatibel mit Terminen.

Die Eine-Minute-Illusion

Dazu kommt, dass ich ein sehr ausgeprägtes Talent für mathematische Fantasie habe. Ich sehe eine Aufgabe, die realistisch zehn Minuten dauert, und mein Gehirn sagt: „Eine Minute. Maximal zwei. Wenn du dich reinhängst.“ Dieses „Wenn du dich reinhängst“ ist dabei mein persönliches Universalkleingedrucktes. Es steht auf allem. Auf To-do-Listen. Auf Einkaufszetteln. Auf meinem Selbstwert. Und ich glaube es jedes Mal wieder. Ich denke dann sowas wie: Ich muss nur schnell die Spülmaschine ausräumen, mich anziehen, eine E-Mail beantworten, kurz was essen, meine Tasche packen, noch den einen Gedanken zu Ende denken, der mein Leben verändert, und dann bin ich fertig. Das sind natürlich keine ein bis zwei Minuten. Das ist kreative Mathematik: Ich rechne nicht mit Minuten, ich rechne mit Willenskraft. Und wenn ich genug Willenskraft habe, kürzt mein Kopf die Rechnung einfach ab. Leider macht die Zeit da nicht mit. Sie lässt sich nicht zusammenkürzen, nicht runden, nicht wegoptimieren. Sie bleibt einfach Zeit. Unbeeindruckt. Kalt. Stabil.

Zeit verhandelt nicht

Ich habe festgestellt, dass ich in Moment, in denen ich unter Zeitdruck stehe, innerlich oft eine Gerichtsverhandlung gegen mich selbst führe. Der Kläger heißt „Du hättest früher anfangen müssen“. Der Richter heißt „Andere schaffen das doch auch“. Und ich sitze da als Angeklagte und Verteidigerin zugleich und bringe als Entlastungszeug:innen „Ich wollte noch kurz…“ und „Ich dachte wirklich…“ mit. Ich bin in solchen Momenten nicht einfach nur spät dran – ich bin dramatisch spät dran. Emotional. Existentiell. Ich renne nicht zur Bahn, ich renne vor dem Gefühl, wieder so jemand zu sein. Diese Person, die es nicht hinkriegt. Die, die den Alltag nicht im Griff hat. Die, die wahrscheinlich auch beim Weltuntergang noch sagt: „Ich muss nur kurz meine Schuhe suchen, dann bin ich soweit.“

Das Gemeine ist, der Zeitdruck, den ich spüre, hat oft gar nichts mit der Uhr zu tun. Es geht eigentlich gar nicht um „zu wenige Minuten“, sondern darum, was ich über mich denke. Aus fünf Minuten werden plötzlich fünf Gründe, warum ich mich zusammenreißen, endlich erwachsen werden und mein Leben im Griff haben sollte. Dann läuft in meinem Kopf dieser innere Monolog, der bei „Warum bin ich so?“ startet und bei „Ab morgen mache ich alles anders“ endet. Spoiler: Ab morgen mache ich es oft genauso – nur mit mehr Enthusiasmus.

Weniger Lärm

Die unromantische Wahrheit ist: Die Zeit vergeht, ganz egal, ob ich mich dabei stresse oder nicht. Wenn ich fünf Minuten zu spät komme, komme ich fünf Minuten zu spät. Das ist eine sachliche Information. Keine Charakteranalyse. Der Zeit ist es egal, wie sehr ich mich verurteile. Sie wird nicht stehen bleiben und sagen: „Oh nein, du bist so enttäuscht von dir – komm, ich gebe dir die fünf Minuten zurück.“ Sie läuft einfach weiter. Und das ist gleichzeitig frustrierend und befreiend. Denn wenn die Zeit sowieso tut, was sie tut, bleibt mir genau eine Sache, über die ich tatsächlich Kontrolle habe: wie ich damit umgehe, wenn ich mal wieder die Zeit aus den Augen verliere.

Ich arbeite sehr konsequent an meinem Zeitmanagement, wirklich. Ich versuche, solche Situationen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Ich übe Puffer, Realismus, dieses erwachsene Konzept namens früher losgehen. Aber falls es doch passiert – falls ich wieder mal in meiner inneren Zeitzone stecken bleibe und die Außenwelt auf pünktlich besteht – dann will ich lernen, das gelassener hinzunehmen. Nicht, weil es egal ist. Sondern weil mein Selbstvorwurf keine Minuten zurückbringt. Fünf Minuten zu spät plus fünfzehn Minuten Selbsthass sind am Ende nicht „effizienter“. Sie sind nur lauter. Und ich hätte wirklich gern weniger Lärm in meinem Kopf.

💬 Und du?

Lebst du auch in deiner eigenen Zeitzone? 

Wie spät ist es?
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Mein Körper sagt nein.

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Kein Weg zurück.