Mein Körper sagt nein.
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Die letzten Tage war ich auffällig dünnhäutig. Ein falscher Blick und ich war innerlich kurz beleidigt. Dazu diese Grundanspannung, als müsste ich jeden Moment spontan eine wichtige Prüfung bestehen – nur dass mir niemand sagt, welche. Und natürlich denkt mein Kopf: Genau jetzt ist der richtige Zeitpunkt, noch alles „vor Jahresende“ zu schaffen. Weil Zeit bekanntlich nur im Dezember abläuft.
Dazu stehen die Feiertage vor der Tür und fordern ihre ganz eigene Aufmerksamkeit. Nicht nur organisatorisch, auch emotional. Ich soll plötzlich gleichzeitig produktiv und besinnlich sein. Ich soll Geschenke besorgen, Pläne machen, Plätzchen backen und dabei in diese besinnliche Stimmung rutschen, die angeblich automatisch einsetzt, sobald man eine Lichterkette berührt. Dabei streite ich mich aktuell schon beim Zähneputzen mit mir selbst.
Ich weiß also eigentlich längst, dass es im Moment einfach zu viel ist. Und trotzdem mache ich weiter. Weil ich innerlich immer noch glaube, ich könnte den Stress austricksen, wenn ich ihn nur schnell genug abarbeite.
Das läuft bei mir ungefähr so: Ich balanciere auf dem Abgrund und sage dabei lässig „Wird schon“, als wäre das eine Schutzformel. Als würde der Abgrund dann denken: Ach so, okay, dann nicht. Und wenn ich nicht rechtzeitig Geschwindigkeit rausnehme, kommt der Sturz. Immer. Entweder ich mache langsam – oder mein Körper macht es für mich. Mein Körper ist da erstaunlich konsequent. Und leider auch sehr gut organisiert.
So ist es jetzt auch wieder. Nichts Dramatisches. Kein Zusammenbruch. Nur Halsweh und Rotz. Aber dazu Gliederschmerzen, eine Erschöpfung, die sich nicht wie Müdigkeit anfühlt, sondern wie „System fährt herunter“. Und dieses klare Signal: Du kannst jetzt noch so tun, als ginge es, aber der Körper ist schon im Streikmodus.
Früher hätte ich trotzdem weiter durchgezogen. Ich wäre krank gewesen wie ein angeschossenes Reh und hätte dabei noch E-Mails beantwortet, Dinge erledigt, mich selbst gelobt für meine „Disziplin“ und mich gewundert, warum ich mich innerlich fühle wie ein Handy mit 1% Akku, das gleichzeitig navigieren, filmen und ein Update installieren soll.
Heute nicht mehr.
Heute liege ich im Bett, obwohl ich theoretisch noch aufstehen könnte. Und das ist für mich der entscheidende Punkt. Früher war Pause etwas, das ich mir verdienen musste, indem ich vorher komplett kollabierte. Heute mache ich es andersrum: Ich pausiere, bevor es den großen Knall gibt. Bevor mein Körper mir irgendwann nicht nur „nein“ sagt, sondern gleich die gesamte Kommunikation einstellt.
Es fällt mir trotzdem schwer, weil mein Kopf parallel weiterarbeitet: Das könntest du noch machen. Das wolltest du noch. Das wäre doch sinnvoll. Und irgendwo dazwischen sitzt der Teil in mir, der immer noch glaubt, dass Dinge nur dann passieren, wenn ich sie mit purer Willenskraft über die Ziellinie trage.
Aber ich habe keine Lust mehr auf dieses Spiel. Auf den Moment, indem mein Körper nicht mehr verhandelt, sondern entscheidet. Auf das „Tja“, wenn es dann wirklich nicht mehr geht. Also nehme ich das „nein“ jetzt ernst. Nicht als Niederlage. Eher als eine überraschend erwachsene Form von Selbstschutz.
Ich mache Pause. Obwohl ich mir so viel vorgenommen habe. Gerade weil ich mir so viel vorgenommen habe.
Mein Körper sagt nein. Und diesmal bin ich nicht beleidigt. Diesmal sage ich: Danke, hab’s gehört. Und lege mich wieder hin.
💬 Und du?
Hörst du auf die ersten Warnsignale – oder wartest du auch gern auf den großen Knall, weil der wenigstens eindeutig ist?