Die heimliche Angst, langweilig zu werden.
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Ich glaube, ich habe eine kleine, sehr unromantische Angst. Keine von der Sorte „Spinnen im Schuh“ oder „Einbrecher im Dunkeln“. Eher so eine, die sich tagsüber als ganz normaler Gedanke tarnt und nachts kurz die Decke anhebt und flüstert: Was, wenn du langsam… langweilig wirst?
Ich meine damit nicht „langweilig“ im Sinne von uninteressant für andere. Ich meine dieses Gefühl, dass mein eigenes Leben mir irgendwann vorkommen könnte wie ein Standardprogramm, das ich nicht mehr updaten kann. Gleiche Abläufe, gleiche Sätze, gleiche Tage – nur mit wechselnden Wochentagsnamen, damit es nicht auffällt.
Dabei ist Ruhe ja eigentlich was Gutes. Ruhe ist das, was wir uns wünschen, wenn’s zu laut war. Ruhe ist die Vorstellung von Frieden, von „alles im Griff“, von diesem erwachsenen Zustand, in dem ich nicht jeden Morgen aufwache wie in einer schlechten Serie, bei der ich die Handlung irgendwann nicht mehr verstehe. Und trotzdem: Sobald es wirklich ruhig wird, werde ich misstrauisch.
Weil Ruhe bei mir schnell nach Stillstand klingt. Und Stillstand klingt nach: Das war’s dann wohl. Herzlichen Glückwunsch, du bist jetzt in der Phase angekommen, in der du dich über neue Küchenutensilien freust und Gespräche führst wie „Wir müssten mal wieder Fenster putzen.“ Ich habe nichts gegen Küchenutensilien. Ich habe nur etwas gegen das Gefühl, dass das jetzt mein Plot ist.
Vielleicht ist es auch genau deshalb so verführerisch, immer irgendwas am Laufen zu haben. Ein Projekt, eine Idee, ein Vorhaben, ein kleiner Aufruhr im Kopf. Hauptsache Bewegung. Hauptsache das Gefühl: Hier passiert was. Und wenn nichts passiert, kann ich ja zur Not noch schnell etwas starten. Irgendwas, das nach Leben aussieht. Irgendwas, das mich selbst davon überzeugt, dass ich nicht gerade in eine Schublade rutsche, auf der „Erwachsen. Fertig.“ steht.
Das Absurde ist, ich sehne mich nach Entschleunigung und trage gleichzeitig einen inneren Presslufthammer spazieren. Ich will weniger, aber bitte nicht zu wenig. Ich will Frieden, aber bitte spannend. Ich will Stabilität, aber bitte nicht so stabil, dass ich plötzlich Zeit habe, meine eigenen Gedanken zu hören.
Und vielleicht ist genau das der Punkt: Dass Langeweile gar nicht das Problem ist. Sondern das, was sie freilegt. In der Stille wird plötzlich sichtbar, was sonst vom Alltag übertönt wird. Fragen, die ich nicht unbedingt auf der Einkaufsliste stehen haben möchte. Gefühle, die nicht „praktisch“ sind. Dieses leise „Und jetzt?“, das keine schnelle Antwort will, sondern Aufmerksamkeit.
Vielleicht ist die Angst, langweilig zu werden, am Ende nur die Angst, dass mir niemand mehr die Bühne baut – und ich dann selbst entscheiden muss, wer ich bin, wenn gerade kein Drama läuft.
Und wenn ich ganz ehrlich bin: Das ist nicht langweilig. Das ist nur ungewohnt.
Vielleicht ist Ruhe nicht das Ende der Geschichte, sondern der Moment, in dem ich merke, dass ich nicht dauerhaft Action brauche, um lebendig zu sein. Dass ein leiser Tag nicht weniger zählt. Dass ein Leben nicht erst dann interessant ist, wenn es sich anfühlt wie ein Trailer.
Und wenn es sich doch mal langweilig anfühlt? Dann ist das vielleicht kein Alarmzeichen. Sondern ein Hinweis: Da ist Platz. Da ist Luft. Da ist eine Pause, in der etwas Neues entstehen könnte.
Und das wäre dann wirklich das Gegenteil von langweilig.
💬 Und du?
Hast du auch manchmal dieses Misstrauen gegenüber ruhigen Phasen – als müsste gleich „zu viel Normalität“ passieren? Oder kannst du Ruhe genießen, ohne innerlich schon nach dem nächsten kleinen Chaos zu suchen?