Ich habe eine Meinung.

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Leider zu allem.

Manche Menschen haben zu Dingen einfach keine Meinung. Beeindruckend. Wie so ein innerer Zen-Garten, in dem Gedanken kurz vorbeikommen, nicken und wieder gehen. In meinem Kopf dagegen ist eher so eine Art Talkshow. Zu allem. Immer. Ohne Werbepause. Ich sehe etwas, höre etwas, lese einen Satz – und zack: Kommentarspalte geöffnet. In mir. Kostenlos. Ungefragt. Und natürlich mit sehr klarer Haltung.

Das Absurde ist: Ich bin selten stolz auf diese Haltungen. Manchmal sind das nicht „Überzeugungen“, sondern spontane innere Bewertungen wie aus einer übermüdeten Jury. Und trotzdem laufen sie mit der Selbstverständlichkeit von Nachrichtenmeldungen: objektiv, endgültig, und bitte nicht diskutieren.

Mein innerer Kommentator

Mein innerer Kommentator ist fleißig, aber nicht hilfreich. Er kommentiert nicht nur Weltpolitik (verständlich), sondern auch Dinge wie: wie jemand eine Tasche trägt, wie ein Satz betont wurde, warum eine Verpackung so aussieht, als hätte sie jemand aus purem Hass designt. Und während ich noch denke „Wieso regt mich das auf?“, steht der Kommentator schon auf einem Stuhl und schwenkt eine Fahne: Weil Prinzipien!

Manchmal ist es sogar subtil. Nicht laut empört, eher dieses leise „Hm. Interessant.“ – was in Wahrheit heißt: „Ich finde es falsch, aber ich benehme mich.“ Das ist mein Spezialgebiet: höflich sein und innerlich einen Leitartikel schreiben.

Dabei schreibe ich diese Artikel am häufigsten über mich selbst – und bin dabei besonders gnadenlos. Außen kann ich noch halbwegs großzügig sein. Da schaffe ich es manchmal, mir zu denken: „Ach komm, jeder hat halt seine Art.“ Bei mir lautet der gleiche Gedanke eher: „Aha. Wieder so eine Art. Interessant. Nicht gut, aber interessant.“

Ich beobachte mich beim Sprechen und bewerte den Tonfall. Ich schreibe einen Satz und bewerte die Aussage. Ich mache etwas und bewerte die Geschwindigkeit, die Eleganz, die Reihenfolge und das moralische Gesamtbild meines Handelns, als gäbe es irgendwo eine Jury, die Noten verteilt für „Menschsein, heute“. Und natürlich bin ich gleichzeitig Kandidatin und strengste Jurorin. Das ist Multitasking, aber psychologisch.

Das Gemeine daran: Dieser innere Kommentar fühlt sich oft wie Wahrheit an. Nicht wie eine Meinung, nicht wie ein kurzer Impuls, sondern wie ein Urteil. Und Urteile klingen immer endgültig. Sie sind selten hilfreich, aber sie sind wahnsinnig überzeugend.

Und sobald ich merke, wie hart ich mit mir selbst bin, ist auch klar: Das ist kein reines Selbstkritik-Problem. Das ist ein Dauerbewertungs-Problem. Ich verteile nicht nur Urteile über mich – ich laufe generell mit einem inneren Klemmbrett durchs Leben.

Das Problem mit der Meinung

Das Ding ist: Eine Meinung zu haben ist nicht per se schlimm. Schlimm ist, dass sie Energie kostet. Und zwar ständig. Dieses dauernde Bewerten macht die Welt nicht klarer, sondern lauter. Es ist wie Hintergrundrauschen, nur mit Persönlichkeit.

Und irgendwann merke ich: Ich bin nicht müde, weil der Tag so anstrengend war. Ich bin müde, weil ich alles begleitet habe wie eine schlecht bezahlte Expertin. Ich war bei jedem kleinen Moment mit vollem Einsatz dabei, inklusive Analyse, Bewertung und einem kleinen inneren Vortrag, den niemand angefordert hat. Ich habe nicht nur gelebt – ich habe live kommentiert.

Leiser drehen

Ich übe inzwischen etwas, das sich für mein Gehirn anfühlt wie Kontrollverlust, aber eigentlich Selbstschutz ist: Ich muss nicht zu allem eine Meinung haben. Und selbst wenn ich eine habe, muss ich sie nicht innerlich ausformulieren, als würde mir gleich jemand das Mikrofon reichen.

Manchmal sage ich mir bewusst: „Das darf jetzt einfach nur sein.“ Keine Einordnung. Kein Urteil. Kein inneres „Also ICH würde ja…“. Nur ein Moment, der vorbeigeht, ohne dass ich ihn in einen Gedankenrahmen stecke und etikettiere wie ein Museumsstück.

Und ganz ehrlich: Es ist nicht so, als würde ich dadurch zum entspannten Menschen werden, der barfuß über Wiesen läuft und „Namasté“ flüstert. Ich werde nur ein bisschen weniger… anstrengend für mich selbst. Und das reicht mir als Lebensziel aktuell völlig.

💬 Und du?

Hast du auch so einen inneren Kommentator – und wenn ja: ist der eher Kultursendung oder Reality-TV?

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Gut gemacht.

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