Irgendwas ist immer.
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Neulich stand ich in der Küche und dachte an all die Dinge, die ich in der Adventszeit eigentlich machen wollte (tausend) und wieviele ich davon tatsächlich gemacht habe (nullkommafünf). Und dabei fiel mir dieser eine Satz wieder ein, der klingt wie ein Plan, aber eigentlich nur ein sehr gut getarnter Aufschub ist: „Das mache ich dann, wenn’s ruhiger ist.“ Wenn das Kind aus dem Gröbsten raus ist. Wenn ich mal wieder Luft habe. Wenn im Kalender nicht alles aussieht wie Tetris im letzten Level. Wenn ich Urlaub habe. Wenn ich mich einfach mal kurz selbst sortiert habe.
Das Problem ist nur, diese Zeit gibt es ungefähr so zuverlässig wie den Moment, in dem alle Ladekabel im Haushalt freiwillig an ihrem Platz liegen. Ich war schon öfter „an dem Punkt“. Und jedes Mal war der Punkt in Wirklichkeit nur ein Komma. Kaum ist das eine vorbei, meldet sich das nächste. Irgendwas ist immer. Und das ist keine pessimistische Lebenshaltung – das ist einfach Statistik.
Später ist kein Ort.
Wir tun oft so, als gäbe es irgendwo eine Zukunftsversion unseres Lebens, in der alles geordnet ist. Das Kind schläft pünktlich, niemand vergisst die Waschmaschine auszuräumen, Termine tragen sich automatisch in den Kalender ein, und der Kopf hat endlich wieder Kapazität für Dinge, die nicht sofort anbrennen. In diesem Paralleluniversum schreibe ich dann das Buch, nähe das Projekt, mache den Kurs, starte die Reise, beginne das Hobby, pflege die Freundschaft, lerne die Sache, die ich „schon immer mal“ lernen wollte. Ich sehe mich regelrecht dabei. Ich sehe sogar die dazu passende Pinterest-Ästhetik.
Nur: Später ist kein Ort. Später ist ein Konzept, das sich fantastisch anfühlt, weil es Verantwortung aus dem Heute rauszieht und in eine nebulöse Zukunft schiebt, die nicht widersprechen kann. Das Heute dagegen ist unhöflich. Das Heute fragt: „Okay, aber wann genau?“ Und dann merkt man plötzlich, dass „wenn es ruhiger ist“ zeitlich ungefähr zwischen „nie“ und „wenn die Sonne explodiert“ liegt.
Es wird nicht weniger, es wird nur anders.
Selbst wenn ich mal an einem Punkt ankomme, an dem etwas weniger los ist, ist es selten diese romantische Ruhe, die ich mir vorgestellt habe. Es wird gar nicht weniger, es wird nur anders. Die Kinder sind vielleicht größer – dafür sind es andere Themen, die plötzlich Aufmerksamkeit verlangen. Vielleicht ist ein Projekt abgeschlossen – dafür wartet das nächste. Vielleicht habe ich Urlaub – dafür bin ich dann krank. Oder ich habe tatsächlich endlich Zeit – und mein Kopf braucht erstmal drei Tage, um zu begreifen, dass er nicht mehr in Alarmbereitschaft sein muss.
Ich glaube, hier liegt der eigentliche Denkfehler: Wir warten oft nicht auf Zeit, wir warten auf eine Version von uns selbst, die dann endlich „bereit“ ist. Gelassener. Strukturierter. Motivierter. Eine Person, die morgens aufsteht und sagt: „Heute mache ich ohne inneren Widerstand etwas, das mir wirklich wichtig ist.“ Ich kenne diese Person nicht, aber ich habe schon viel von ihr gehört.
„Irgendwas ist immer“ ist nicht das Hindernis. Es ist die Grundausstattung. Das Leben kommt nicht irgendwann mit einem leeren Blatt und sagt: „So, jetzt darfst du anfangen.“ Das Leben sagt: „Hier sind deine Umstände. Mach das Beste daraus.“
Mach’s jetzt
Ich meine damit nicht: Alles auf einmal. Nicht noch eine To-do-Liste, die mich anbrüllt, ich müsste jetzt auch noch meine Träume umsetzen. Ich meine eher: Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, dann braucht es keinen perfekten Zeitpunkt. Es braucht einen Einstieg. Einen kleinen, unromantischen, alltagstauglichen Einstieg. Zehn Minuten. Einen Schritt. Eine Entscheidung, die so unspektakulär ist, dass ich einfach anfange.
Denn der perfekte Moment ist ein Mythos. Der perfekte Moment ist ein Marketingkonzept. Der perfekte Moment ist die Ausrede mit Glitzer oben drauf. Der reale Moment ist: Irgendwas ist immer. Und genau deshalb lohnt es sich, die wichtigen Sachen nicht auf später zu verschieben – sondern ihnen jetzt einen Platz zu geben. Irgendwas ist eh immer. Dann kann ich’s auch gleich machen.
💬 Und du?
Welche Sache in deinem Kopf steht schon viel zu lange unter „mache ich irgendwann“ – und was wäre ein winziger, machbarer Anfang, den du diese Woche trotzdem hinbekommst?